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Francis Poulenc, Camille Saint-Saëns, Claude Debussy, André Bloch, Gabriel Pierné, Darius Milhaud

La clarinette française

Lisa Shklyaver, Jos van Immerseel

Zig-Zag Territoires/Note 1 ZZT358
(66 Min., 6/2014)

Wie elegant und charmant eine Klarinette klingen kann, demonstriert Lisa Shklyaver auf dieser reizvollen CD mit einem ungeheuer ansprechenden französischen Programm: Einer der „positiven“ Nebeneffekte der französisch-deutschen Erbfeindschaft war ja, dass die wichtigen französischen Komponisten sich bald nach 1870/71 vom „Wagnérisme“ losgesagt und sich stattdessen auf ein eigenes musikalisches Idiom besonnen haben. Infolge dieser Eigenständigkeit konnte auch ein Francis Poulenc bis weit ins 20. Jahrhundert seinem ebenso eklektizistischen wie hochindividuellen Salon-Stil treu bleiben, unbekümmert von dem Umstand, dass er deshalb schon bald nicht mehr zur Avantgarde gerechnet wurde.
Hohe Kunst und kurzweilige Unterhaltung verbinden die Interpreten dieses Programms – Frau Shklyaver wird begleitet von Jos van Immerseel – auf erfrischend zwanglose Weise: Technisch ist das, was hier präsentiert wird, oftmals alles andere als einfach, aber es klingt eben dennoch niemals bemüht. Nicht nur ist Lisa Shklyaver eine brillante Klarinettistin; sie ist auch mit Jos van Immerseel nach zahlreichen gemeinsamen Kammermusikabenden perfekt zusammengespielt. Dass beide auf historischen Instrumenten musizieren, macht die Sache nur noch interessanter: Gerade in puncto Klavierklang kann ja der Verzicht auf den hochgetunten, oftmals über-brillanten und penetrant durchschlagskräftigen modernen Konzertflügel sehr wohltuend wirken, gerade in der Kammermusik. Immerseels Bechstein von 1870 harmoniert erstklassig mit Shklyavers französischer Klarinette aus den 30er Jahren.
Nach so viel Lob aus vollem Herzen sei abschließend aber doch auch noch ein kleines Fragezeichen gesetzt: Ein Hauptmerkmal von Frau Shklyavers Klarinettenklang ist seine unbestechliche Geradheit. So flexibel und biegsam sie in dynamischer Hinsicht agiert, so unbarmherzig ebenmäßig gestaltet sie die stets makellos reine, nebengeräuschfreie Klangproduktion ihres Instruments. Man höre zum Vergleich etwa die Klarinettensonate von Poulenc in Michel Portals Einspielung, die 1973 (nur zehn Jahre nach der Fertigstellung des Stücks) entstanden ist: Portal erlaubt sich oft einen lebendiger ausschwingenden Ton, und auch kleine Unreinheiten im Klang scheint er als Bereicherung des Spektrums einzusetzen. Deshalb sei die Frage erlaubt, wie sehr sich der Interpret eines Fin de siècle- und 20.-Jahrhundert-Programms in Sachen Vibrato denn beschränken muss, um seine Darbietung historisierend nennen zu dürfen …

Michael Wersin, 07.03.2015



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