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Richard Wagner, Johannes Brahms, Gustav Mahler, Richard Strauss, Arnold Schönberg

Decline and Fall Of The Western Music

Kirsten Flagstad, Mildred Miller, Nan Merriman, Kathleen Ferrier, Sena Jurinac, Dorothy Dow u.a.

Urania/Klassik Center Kassel WS 121.161
(146 Min., 1949 - 1961) 2 CDs

Warum diese Doppelbox mit teils überwältigenden Aufnahmen von Sängerinnen der 50er und 60er Jahre „Verfall und Sturz der westlichen Musik“ heißt und mit dem Farbfoto einer zerbombten Stadt geziert ist – das bleibt das Geheimnis der Editoren bei Urania. Immerhin sind die präsentierten Nachkriegseinspielungen doch ein Beweis dafür, dass auch nach dem Inferno kulturell nicht alles vorbei war. Und was das Repertoire angeht: Soll man die Entwicklung von Brahms und Wagner über Mahler und Schönberg bis hin zu Strauss wirklich als Verfall betrachten? Freilich hat Richard Strauss sich selbst als Endzeit-Komponist verstanden, und die Musik Mahlers und Schönbergs zählte für ihn wohl zu den Symptomen des Untergangs. Aber eine Strauss-Hommage soll dieses Album wohl kaum sein …
Wie auch immer: Zu hören gibt es Großartiges. Über Kathleen Ferriers Einspielung der „Kindertotenlieder“ unter Bruno Walter (1949) müssen wir nicht sprechen – wer sie gehört hat, kennt ihre Intensität und ihr Beklemmungspotential. Im Blick auf Brahms‘ „Alt-Rhapsodie“ allerdings bekommt Ferrier, die das Stück mehrmals aufnahm, hier Konkurrenz: Mildred Millers Version von 1961, ebenfalls unter der Leitung von Bruno Walter, ist in puncto Ausdrucksintensität und stimmliche Präsenz nicht weniger betörend; hinzu kommt so manche nuanciertere Gestaltung textlich-musikalischer Details. Kirsten Flagstads Darbietung der „Wesendonck-Lieder“ unter Knappertsbusch von 1956 ist ein selten zu hörendes Tondokument; es lebt ganz und gar von der großartigen Gestaltung des Orchestersatzes und der stimmlichen Monumentalität der Skandinavierin. Nicht begegnet sind uns bisher Strauss‘ „Vier letzte Lieder“ von Sena Jurinac unter Sir Malcolm Sargent – eine Entdeckung, wenngleich Jurinac gelegentlich allzu vibratoreich und extravertiert agiert. Schönbergs „Erwartung“ schließlich in der Interpretation von Dorothy Dow unter Mitropoulos zählt zu den bekannteren historischen Dokumenten, fasziniert aber nach wie vor durch die radikale Expressivität der Sängerin, die durch Mitropoulos‘ feuerköpfiges Dirigat zusätzlich angefacht wird. So gerät diese Sammlung über weite Strecken zum Feuerwerk stimmlicher Eindringlichkeit – das Bild der Zerstörung auf dem Cover steigert die teils beklemmte Gebanntheit des Hörers und regt immerhin zum Nachdenken über die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts an.

Michael Wersin, 14.03.2015



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