Seine „Petite Messe solennelle” hat Rossini als seine „Todsünde meines Alters“ bezeichnet. Doch so ganz fertig war er mit ihr eben noch nicht, als er 1863 den letzten Federstrich unter die Erstfassung für Sänger, zwei Klaviere und ein Harmonium setzte. Um gefürchteten Orchesterarrangeuren wie etwa Hector Berlioz zuvorzukommen, setzte Rossini sich 1867 noch rasch an eine eigene Fassung für Soli, Chor und Orchester. Die Uraufführung 1869 konnte der Maestro zwar nicht mehr miterleben. Aber ihm war sowieso das kammermusikalische Original viel lieber. Und er hat einfach guten Geschmack bewiesen. Denn weiterhin wirkt die leicht aufgepumpte Zweitversion selbst dann recht konventionell, wenn sie wie jetzt eindrucksvoll gut musiziert wird.
Ottavio Dantone, seines Zeichens Chef der Alte Musik-Formation Accademia Bizantina, achtet bei seinem ersten Gastspiel beim Orchestre de Chambre de Paris wenig überraschend auf exquisite Durchhörbarkeit des Stimmgewebes. Und selbst die dramatische Zugkraft, mit der das „Gloria“ eröffnet wird, kommt bei den Musikern weniger effektvoll als vielmehr ausdrucksintensiv daher. Viele solcher glänzenden Momente runden den ersten Eindruck von einer Aufnahme ohne Fehl und Tadel ab. Doch bereits beim zweiten Hinhören melden sich einige Zweifel. Muss dieses Werk wirklich so schwermütig, so seelenbelastet, so leicht weihrauchig daherkommen? Und sobald sich der russische Bass Alexander Vinogradov schwergewichtig ins Zeug legt, als würde es sich hier um Verdis Requiem handeln, möchte man ihm nur einen Satz zurufen, den Rossini einmal gegenüber Eduard Hanslick geäußert hat: „Meine heiligste Musik ist doch immer nur semi-seria“. Was er damit meinte? Man höre sich die wahre „Petite Messe solennelle“ mit Marcus Creed am Pult des RIAS-Kammerchors an.

Guido Fischer, 21.03.2015



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