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Midwest

Mathias Eick

ECM/Universal 4708910
(43 Min., 5/2014)

Norwegen nannte der britische Journalist Stuart Nicholson 2005 in seinem Buch „Is Jazz Dead (Or Has It Moved To A New Adress?)“ als eine der neuen Adressen, an der der Jazz nach seinem Wegzug aus den USA anzutreffen sei. Zehn Jahre nach der Veröffentlichung des vieldiskutierten Werks fügt der Trompeter Mathias Eick der ganzen Angelegenheit ein neues, weit weniger dissonantes Kapitel hinzu.
Mit „Midwest“ verbeugt sich der Norweger vor den weiten Himmeln und Feldern des amerikanischen Mittleren Westens, die ihn so sehr an die eigene skandinavische Heimat erinnern. Sein ungemein lyrischer und naturhaft wogender Folk-Jazz auf „Midwest“ lebt zum einen von seinem demütig singenden Trompetenton, zum anderen von einer ungewöhnlichen Besetzung. Gjermund Larsens Geige und Helge Norbakkens Percussion geben den typisch nordischen Arpeggien und repetitiven Linien von Pianist Jon Balke und Bassist Mats Eilertsen eine neue geografische Verortung auf der Landkarte.
Während Norbakken mit seinen Felltrommeln Assoziationen zu indianischen Ritualen oder stampfenden Büffelherden weckt („Dakota“), lädt Larsens archaische Violine, die zuweilen aber auch wie ein Tenorsaxofon (bei der Themenvorstellung von „Midwest“) oder eine Fingerpicking-Gitarre („Helm“) klingen kann, zu filmischen Vergleichen ein. Nicht ohne Grund heißt eine von Eicks Kompositionen „Fargo“ – auch im Streifen der Coens spielte eine norwegische Volkslied-Fiedel eine akustische Hauptrolle. Serienfans dürften sich bei „Midwest“ zudem an den Soundtrack der TV-Reihe „Lilyhammer“ erinnert fühlen, in der es einen amerikanischen Mafioso nach Norwegen verschlägt.
Die USA und der hohe Norden sind sich möglicherweise doch viel näher, als man denkt. Eicks schöne, aufrichtig schlichte skandinamerikanische Musik legt jedenfalls den Gedanken nah: Vielleicht sollte man mal über eine Wohngemeinschaft nachdenken.

Josef Engels, 04.04.2015



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