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Wolfgang Rihm

Et Lux

Huelgas Ensemble, Paul Van Nevel, Minguet Quartett

ECM/Universal 002894811585
(62 Min., 2/2014)

Wer wie Wolfgang Rihm keinerlei Berührungsängste mit der Musikgeschichte kennt, der verblüfft oft mit seinen Reflexionen und Re-Interpretationen. Doch manchmal kann selbst dieser stets hellwach zu Werke gehende Zeitgenosse mit Banalitäten irritieren. Dazu gehört eines seiner letzten Großprojekte, sein an die Brahms-Sinfonien angelegter „Nähe fern“-Zyklus für Orchester. Umso freudiger überrascht und gleichzeitig extrem gebannt ist man jetzt von Rihms musikalischer Auseinandersetzung mit dem lateinischen Requiemtext. Rund eine Stunde dauert Rihms Meditation über Worte, die in der Musikgeschichte ihre Weihen vor allem von Mozart und Verdi erhalten haben. Doch Rihm ist 2009 einen ganz anderen Weg gegangen. Geschrieben für Vokalquartett und Streichquartett, spiegelt „Et Lux“ den Text nicht linear und in korrekter Abfolge ab (so fehlt beispielsweise das „Dies Irae“). Rihms „Et Lux“ ist vielmehr eine Art Dekonstruktion, bei der einzelne fragmentierte Textbestandteile einen sich ständig verändernden Klangstrom bilden.
In hochkonzentrierter Langsamkeit lassen die jetzt verdoppelten Vokalstimmen des Huelgas Ensembles und das Minguet Quartett diesen Klang-Organismus ablaufen, der eine ursprüngliche, von der mittelalterlichen Polyphonie und der Renaissance-Gambenkunst imprägnierte Aura besitzt. Zudem könnte man meinen, dass Rihm sich beim Komponieren auch ein wenig an die reduzierte, fast asketische Haltung erinnert hat, mit der der estnische Komponistenkollege Arvo Pärt seine musikalischen Glaubensgebäude formt. Doch es sind eben diese ständigen Zäsuren, dramatischen Klanginseln, winzigen Schraffuren, flehenden, aber keinesfalls pathetischen Gesten, die das Stück vor entrückter Spiritualität schützen. Das von Paul Van Nevel geleitete Musikerteam hält zudem mit einer Unbedingtheit, mit einem gemeinsamen Atem und nicht zuletzt mit einem mikrofaserfeinen Facettenreichtum nicht nur die Aufmerksamkeit konsequent hoch. Schon sehr früh bei dieser Ersteinspielung weiß man, dass Rihm mit „Et Lux“ ein in der Tradition tiefverwurzeltes und doch so ungemein beeindruckendes Gegenwartsstück gelungen ist.

Guido Fischer, 25.04.2015



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