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Johann Sebastian Bach

Musikalisches Opfer

Maude Gratton, Marc Hantaї, Franҫois Fernandez, Philippe Pierlot

Mirare/harmonia mundi MIR 237
(58 Min., 11/2011)

Rätselhafter Johann Sebastian Bach: Als er sich in seinem letzten Lebensjahrzehnt partiell von seinen Thomaskantoratspflichten löste und sich Freiraum schuf für die Bündelung und Fokussierung seines Könnens in exemplarischen Werken, da gelangen ihm Kompositionen von einer Dichte, wie sie bis heute kaum wieder erreicht und in ihrer Bedeutungsvielfalt sicher auch noch immer nicht erschöpfend entschlüsselt ist.
Auch der Besuch im Potsdamer Schloss, wo sein Sohn Carl Philipp Emanuel als Cembalist des Königs arbeitete, war ihm willkommener Anlass zur Erprobung seiner schöpferischen Kräfte: Das eigenartig sperrige, zur fugenartigen Verarbeitung nicht sonderlich geeignete Thema, das im der König als Improvisationsgrundlage vorlegte, baute er, zurück daheim in Leipzig, zum „Musikalischen Opfer“ aus – zu einer Kompilation von Werken unterschiedlicher Gattungen, die sowohl den nach-barocken Geschmack des Königs treffen sollten wie auch Bachs ureigene Begeisterung an komplexer Satztechnik befriedigen konnten.
Die vier Musiker dieser CD zelebrieren das „Musikalische Opfer“ genau vor dem Hintergrund dieses Spannungsfeldes: Sie präsentieren dem staunenden Hörer die polyphone Raffinesse der Stücke höchst plastisch, loten aber auch das empfindsame Potential der Musik aus. Bach erscheint uns dadurch nicht als „ewig Gestriger“, der dem Preußenkönig wie ein Dinosaurier aus der Vergangenheit vorgekommen sein muss, sondern als großer, auch im Alter noch aufnahmefähiger Geist, der es verstand, mit den Moden jener Zeit zu spielen. Dies sei als Hauptverdienst dieser CD darum in den Vordergrund gestellt, weil alles andere – die technische und interpretatorische Kompetenz der vier Musiker – so selbstverständlich im Übermaß vorhanden ist, dass man darüber kaum ein Wort verlieren muss. Eine großartige CD.

Michael Wersin, 09.05.2015



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