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Giovanni Battista Pergolesi, Louis-Nicolas Clérambault, Alessandro Scarlatti, Jean-Philippe Rameau

Orfeo[s] (Italian & French Cantatas)

Sunhae Im, Akademie für Alte Musik Berlin

harmonia mundi HMC 902189
(69 Min., 11/2013 & 2/2014)

Ein großartiges, klug zusammengestelltes Programm, das den Hörer gewissermaßen an die Ursprünge der Musik zurückführt: Der Halbgott Orpheus ist seit jeher ein Symbol für die schier grenzenlose Macht der Musik, obwohl er ja letztendlich an seiner eigenen Unbeherrschtheit scheiterte, weil er sich allzu früh der schon beinahe geretteten Euridike zuwandte und sie dadurch wieder verlor. Noch schlimmer, so weiß Ovid zu berichten, erging es ihm hernach: Weil er nach seinem Misserfolg auf das Weibliche insgesamt zu verzichten gedachte und stattdessen die Knabenliebe proklamierte, verfolgten ihn die wildlüsternen Bacchen, um ihn zu zerreißen.
Dieses wenig geschmackvolle Ende verschweigen in der Regel die musikalischen Hommagen an Orpheus, die es in der Barockzeit in großer Zahl gibt. So auch diejenigen von Clérambault, Pergolesi, Scarlatti und Rameau, die auf dieser CD zu hören sind – und auf jeden Fall unbedingt gehört werden sollten, denn es handelt sich um faszinierend ausdrucksstarke Kompositionen, die, wenn schon nicht von den Bacchen, so doch ausführlich und abwechslungsreich von Orpheus‘ Unglück beim zweimaligen Verlust seiner Geliebten zu berichten wissen.
Die verwendeten musikalischen Mittel sind atemberaubend vielfältig: Chromatik, große Sprünge in der Melodieführung, Nutzung extremer Lagen der Gesangsstimme – ein dankbares Betätigungsfeld für eine Sängerin wie Sunhae Im, die vom barocken Repertoire her kommt und ihr Repertoire mittlerweile bis ins 19. und sogar ins 20. Jahrhundert hinein erweitert hat. Dadurch ist ihre Stimme freilich gereift: Körperhafter als früher und mit einem gesunden Vibrato ausgestattet, erlaubt ihr Sopran ihr nun die Erforschung neuer Ausdrucksbereiche auch in den barocken Kantaten. Mit rückhaltlosem Engagement widmet sie sich den Herausforderungen dieser Musik, und wenn sie dabei an einigen Stellen ein wenig zu tief intoniert oder eine kleine Rauigkeit im Ansatz nicht verhindern kann, so verzeiht man ihr dies angesichts einer ansonsten sehr stimmigen, durch ihre Expressivität mitreißenden Gesangsleistung.

Michael Wersin, 09.05.2015



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