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A Clear Midnight

Julia Hülsmann Quartet, Theo Bleckmann

ECM/Universal 4709276
(68 Min., 6/2014)

„A Clear Midnight“ ist in doppelter Hinsicht eine Heimkehr. Zum einen holt hier ein deutsch-englisches Quartett den Exilanten Kurt Weill nach Hause und gibt ihm einen Platz im introvertierten europäischen Jazz. Zum anderen kehrt die Pianistin Julia Hülsmann mit dem Weill-Programm zu ihren Wurzeln zurück. Mit sensiblen Vertonungen der Gedichte von E.E. Cummings und Emily Dickinson hatte die Berlinerin in den Nullerjahren ihre Karriere begründet. Nun knüpft sie an der Seite des in New York lebenden Sängers Theo Bleckmann an diese Personaltradition an.
Bleckmann ist die perfekte Mischung aus Hülsmanns bisherigen Vokal-Unterstützern. Er hat das Feminin-Geheimnisvolle einer Rebekka Bakken und gleichzeitig das spielerisch Jungmännerhafte eines Roger Cicero. Im Verbund mit der konzentrierten Zurückhaltung von Hülsmanns langjährigen Begleitern (Marc Muellbauer am Bass, Heinrich Köbberling an den Drums) sowie der wie durch einen feinen Nebel durchscheinenden Trompetenkunst des Briten Tom Arthurs deutet diese Stimme Weills bekannte und weniger bekannte Songs (etwa „River Chanty“ aus dem unbeendeten Huckleberry-Finn-Musical) gehörig um. „Mack The Knife“ hat da plötzlich so gar nichts mehr von seinem ursprünglichen zynischen Moritaten-Charakter, sondern wird zu einer weltverlorenen Liebesballade.
An den in der Plattenmitte gewissermaßen untergeschmuggelten Vertonungen von drei Walt-Whitman-Gedichten merkt man, wie sehr sich Hülsmann ihren Weill zu eigen gemacht hat: Da ist kein Bruch im Vergleich zu den Weill-Liederbearbeitungen zu erkennen, vielmehr ein Weiterspinnen eines einmal aufgenommenen lyrischen Fadens. Da ist die stille Freude über die Rückkehr genauso zu spüren wie die Trauer über den Verlust der Heimat. Ein bittersüßes Vergnügen.

Josef Engels, 30.05.2015



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