Bach, Händel, Mozart und Schostakowitsch, aber auch etwas Abseitiges aus der Feder des armenischen Klangspiritualisten Georges I. Gurdjieff – in diesem Kreis hat sich immer wieder Keith Jarrett bewegt, wenn er nicht gerade die Jazzwelt mit seinen Improvisationen und Standard-Exkursionen in Atem hielt. Und selbstverständlich versuchte man bei jeder seiner klassischen Einspielungen sogleich den grandiosen Jazzpianisten zu identifizieren. Was sich rasch als vergebliche Müh entpuppte. Denn Jarrett widmete sich den heiligen Partituren eines Bach oder Mozart mit einer Ernsthaftigkeit und Seriosität, wie man sie von großen Musikern erwarten darf.
Anfang Mai hat Jarrett seinen Siebzigsten gefeiert. Und wie könnte ihm sein Münchner Hauslabel ECM besser dazu gratulieren als mit jetzt erstmals veröffentlichten Archiv-Schätzen. Mitte der 1980er Jahre hatte Jarrett sich erneut eine kleine Auszeit vom Jazzleben genommen, um mit gleich zwei teuflisch schweren Klavierkonzerten aus der klassischen Moderne zu touren. Auf dem Programm standen das Opus 38 des Amerikaners Samuel Barber sowie Béla Bartóks 3. Klavierkonzert. Also zwei Werke, in denen eine unglaublich mitreißende Energie herrscht, perkussive Schlachten geschlagen und die Spannungsschrauben auch schon mal bis zum Bersten angezogen werden. Kalt, unberührt kann einen diese Musik nicht lassen. Jarrett gelingt es jedoch bei den Live-Aufnahmen aus Saarbrücken (Barber) und Tokio (Bartók), das Fulminante und Attackierende, aber auch das Verstörende und Dämonische noch einmal zu potenzieren, ohne je an irgendwelche spieltechnischen oder konditionellen Grenzen zu geraten. Ganz zum Schluss, nach dem Bartók-Sturm, gab es dann für das japanische Publikum eine Zugabe aus der Feder von Jarrett – bei der sich der Jazz von seiner kostbar elysischen Seite zeigte.

Guido Fischer, 30.05.2015



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top