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Jean-Baptiste Lully

Le bourgeois gentilhomme

Christophe Coin, Ensemble Baroque de Limoges u.a.

Alpha/Note 1 Alpha 707
(165 Min., 2012)

Als William Christie 1987 in Paris Jean-Baptiste Lullys Tragédie en musique „Atys“ dirigierte, löste er zusammen mit Regisseur Jean-Marie Villégier auch einen gewissen Boom auf dem Gebiet der historischen Inszenierungspraxis aus. Und was für ein fulminantes barockes Gesamtkunstwerkspektakel entstehen kann, wenn grell geschminkte Perückenpüppchen und quietschfidele Commedia dell´arte-Figuren auf rhythmisch aufgeladene Klänge treffen, brachten 2004 Regisseur Benjamin Lazar und Dirigent Vincent Dumestre sensationell auf den Punkt. Als man den von Lully und Molière gemeinschaftlich ausgeheckten Theaterspaß „Le bourgeois gentilhomme“ auf die internationalen Bühnen brachte. Knapp zehn Jahre später versuchte sich erneut ein namhaftes Team an diesem Klassiker, mit dem Lully & Molière ganz im Sinne ihres Herrn Louis XIV. auch einen türkischen Gesandten nach Strich und Faden verspotteten.
Neben Regisseur Denis Podalydès und Bühnenbildner Eric Ruf, die beide am Pariser Traditionshaus Comédie-Française arbeiten, hatte man für die wahrscheinlich sündhaftteuren Barockkostüme Christian Lacroix angeheuert. Und für die musikalischen Divertissements sorgte Alte Musik-Spezialist Christophe Coin mit seinem Ensemble Baroque de Limoges. Aufgezeichnet wurde die Neuinszenierung im altehrwürdigen, zum Glück nicht zu Tode restaurierten, sondern auch weiterhin leicht mufflig riechenden Pariser Théâtre des Bouffes du Nord. Doch schnellt sehnt man sich auch zu dem herrlich anarchischen Schwung und Geist zurück, mit dem Lazar & Co. sich über dieses abendfüllende Werk hermachten. Tatsächlich herrscht bei dem „Bourgeois gentilhomme” aus dem Jahr 2012 eine Art Klamauk vor, der einen gnadenlos in die Zeiten eines Louis de Funès zurückversetzt. Völlig überdreht werden Parodien und Gags aneinandergereiht, als wäre das Versailler Schloss Ende des 17. Jahrhunderts eine einzige billige Komödienbude gewesen. Kein Wunder, dass Christophe Coin und seine wackeren Mitstreiter da nur zu musikalischen Stichwortgebern degradiert wurden. Das französische Publikum schien sich bei diesem Live-Mitschnitt, bei dem man auf Übersetzungen verzichtet hat, köstlich amüsiert zu haben – aus welchen Gründen auch immer.

Guido Fischer, 30.05.2015



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