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Karlheinz Stockhausen, Edgard Varèse

Les grandes répétitions

Karlheinz Stockhausen, Iannis Xenakis, Pierre Boulez, Olivier Messiaen, Hermann Scherchen u.a.

Mode/harmonia mundi MODE DVD 276
(105 Min., 1965, 1966)

Ende 1965 verstarb im fernen New York der französische Komponist Edgard Varèse im Alter von 81 Jahren. Nur wenige Monate zuvor war Karlheinz Stockhausen in Köln ins Studio gegangen, um sein jüngstes Stück „Momente“ mit dem WDR Sinfonieorchester auch für eine Schallplattenaufnahme einzustudieren. Varèse und Stockhausen stammten aus unterschiedlichen Generationen. Doch diese beiden rigorosen musikalischen Freigeister und Zukunftsforscher verband nicht nur eine gegenseitige Wertschätzung. Stockhausen hatte 1954 bei der von Bruno Maderna in Hamburg dirigierten Deutschen Erstaufführung von Varèses Skandalstück „Déserts“ mitgewirkt und die Tonbandeinspielungen ausgesteuert. Diesen zwei Erzvisionären widmete nun das französische Fernsehen jeweils ein Porträt. In der vom Komponisten Luc Ferrari und dem Regisseur Gérard Patris zwischen 1965 und 1968 verantworteten Reihe „Les grands répétitions“ („Generalproben“) begleitete man 1965 Stockhausen bei der Probenarbeit zu „Momente“. Ein Jahr später entstand ein prominent besetzter Nachruf auf Varèse, bei dem u.a. Iannis Xenakis, Pierre Boulez, Olivier Messiaen und Hermann Scherchen, der Anfang Dezember 1954 in Paris die Uraufführung von „Déserts“ geleitet hatte, zu Wort kamen.
Beide S/W-Filme sind nun auf einer DVD mit englischen Untertiteln erschienen. Und wohl selten hat man die Gelegenheit, Neue Musikgeschichte auf eine derart faszinierende, spannende und erhellende Art erzählt zu bekommen. Für Sopran, vier Chorgruppen und Instrumentalisten hatte Stockhausen seine „Momente“ geschrieben, bei dem Situatives wie Geräusche (Händeklatschen), Wortfetzen u.a. aus der Bibel und Liebesbriefen sowie wilde Soundkombinationen sich zu einem großen Aktionsklangraum verbünden. Dirigent Stockhausen hielt dabei selbstverständlich alle Fäden in der Hand. Zugleich begleitet die Kamera ihn auf einem Rundgang durchs Studio, bei dem er im fließenden Französisch „Momente“ erläutert und zwischendurch mit seiner Interviewerin flirtet. Einen größeren Charmeur als ihn mag es damals in der Szene wohl kaum gegeben haben. Eher sachlich nüchtern erinnern dagegen Stockhausens Komponistenkollegen wie eben Xenakis und Boulez an Varèse. Doch aus den Zusammenschnitten von Gesprächen und Klangbeispielen entsteht das Bild von einem Komponisten, der stets abseits aller Strömungen der Moderne und Avantgarde seinen eigenen Weg gegangen ist. Höhepunkt dieser Hommage, die man sich immer und immer wieder ansehen und anhören sollte, ist zweifellos die Probe und Aufführung von „Déserts“ in Paris mit Bruno Maderna am Pult. Und der besondere Clou war, dass eine zweite Kamera den engen Varèse-Freund Marcel Duchamp in New York bei der Live-Übertragung von „Déserts“ beobachtete.

Guido Fischer, 27.06.2015



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