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Giovanni Pierluigi da Palestrina

Missa L’homme armé, Hohelied-Vertonungen, Fastenzeit-Motetten (Volume 6)

The Sixteen, Harry Christophers

CORO/Note 1 COR16133
(71 Min., 1/2015)

Nicht eine Gesamtaufnahme der Werke Palestrinas planen Harry Christophers und sein Ensemble – eine solche wird es angesichts der schieren Größe des Werkbestands wahrscheinlich nie geben. Aber sie legen mit dieser CD immerhin schon Folge sechs ihrer Reise durch die Musik des bedeutenden Renaissance-Komponisten vor. Mit einer Besetzungsstärke von insgesamt 18 Frauen- und Männerstimmen präsentieren sie neben einer Messe über das berühmte „L’homme-armé“-Lied eine Reihe von Motetten zur Fastenzeit bzw. nach Hohelied-Texten.
Die Musik Palestrinas wurde in der Vergangenheit häufig gegen diejenige seines großen Zeitgenossen Orlando di Lasso ausgespielt: Jener, so wurde gesagt, habe lebensnähere, menschlichere, im Tonfall oft madrigaleskere Musik komponiert, Palestrina hingegen sei in der Makellosigkeit seiner Satztechnik auch kalt und übermäßig objektiv oder ausdrucksneutral. Es stimmt wohl, dass Lasso und Palestrina – prinzipiell freilich auf Basis derselben strengen „vorbarocken“ Satzregeln schaffend – das Spektrum jener Art des Tönesetzens in zwei verschiedene Richtungen ausloten. Dabei ist Palestrina aber keineswegs wortfern: Viele seiner Soggetti sind der Bewegungsrichtung oder dem Affekt des Textes nachgestaltet und nehmen damit schon ein wenig jene musikalische Rhetorik vorweg, die wenig später maßgeblich zum Paradigmenwechsel des Epochenübergangs beitragen wird; Beispiele dafür sind auch auf dieser CD zu hören.
Dennoch ist der Musik Palestrinas streckenweise eine gewisse Kühle nicht abzusprechen. Die Sänger von „The Sixteen“ scheinen nicht unbedingt angetreten zu sein, um diesem Eindruck vehement entgegenzuwirken: Sie zelebrieren Palestrinas kontrapunktische Stimmverflechtungen zwar mit warmem Klang, aber nicht übermäßig emotional oder vom Text her zupackend. Innere Beteiligung vermittelt sich niemals über akzentuierte Einzelereignisse, sondern stets durch die möglichst makellose Darbietung der musikalischen Substanz; Textnähe entsteht also vornehmlich durch die Wiedergabe dessen, was Palestrina in die Musik hineinkomponiert hat, nicht durch eigenmächtiges interpretatorisches Agieren. Der Spielraum dafür wäre in dieser Musik auch nicht sehr breit, aber ein wenig mehr hätte man ihn hier und da eventuell ausschöpfen können.

Michael Wersin, 04.07.2015



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