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Dmitri Schostakowitsch, Sergei Rachmaninow, Gustav Mahler, Lili Boulanger, John Ireland

From A Tender Age

Monte Piano Trio, Daniel Rowland

Genuin/Note 1 GEN 15369
(65 Min., 3/2014)

Wir hätten nicht gedacht, dass Rachmaninows „Trio élégiaque“ so leise beginnen kann: Die Sekundenanzeige am CD-Spieler läuft schon, aber man hört erst gar nichts; als man schon an einen Fehler glaubt, lösen sich plötzlich zarteste Streicherklänge direkt aus der Stille … Ein Effekt, der repräsentativ ist für die Haltung, aus der heraus diese CD entstanden zu sein scheint: Aus der Stille ihrer Vergessenheit tauchen auch die beiden Trio-Stücke Lili Boulangers und das „Phantasie Trio“ von John Ireland auf; ja selbst das Klavierquartett von Gustav Mahler blickt ja erst auf eine sehr dünne und kurze Rezeptionsgeschichte zurück.
Alle die hier versammelten Stücke entstanden im „zarten Alter“ (Tender Age) ihrer Komponisten, und sie atmen den Geist einer Aufbruchsstimmung, der in jeder dieser Biografien auf je individuelle Weise später in andere Bahnen kanalisiert wurde: Gustav Mahler ist kein Kammermusik-Komponist geworden, John Ireland entwickelte sich nicht zum kreativen Einzelgänger, sondern der Schatten des Reaktionären hängt über seinen späteren Jahren. Schostakowitsch hatte seine eigentlich politisch bedingte Leidenszeit noch vor sich, ebenso wie Rachmaninow, dem das erzwungene Exil die Lebensfreude stark beschneiden sollte. Und Lili Boulanger ahnte vielleicht schon ihren frühen Tod (im Jahre 1918, als auch diese Stücke vollendet wurden) voraus.
Vielleicht ist der Schleier des Melancholischen, den wir über allen Stücken dieser CD wahrnehmen, vor dem Hintergrund unseres Wissens über die folgenden Ereignisse nur eine Projektion; vielleicht aber zeugt er auch von einer halbbewussten Weite und Früh-Erfahrenheit im künstlerischen Bewusstsein dieser Meister, die Kommendes schon zu umgreifen vermochten: Jedenfalls fangen die hervorragenden Interpreten des Monte Piano Trio den Geist dieser wunderbaren Stücke aufs Trefflichste ein; sie beglücken ihre Hörer mit einfühlsam lebendigen, überlegen durchstrukturierten Interpretationen auf Basis einer vollkommenen technischen Könnerschaft. Es lebe die Kammermusik.

Michael Wersin, 11.07.2015



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