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Johann Sebastian Bach, Philip Glass

Orgelwerke

Iveta Apkalna

Oehms/Naxos OV 1827
(160 Min., 6 & 10/2013) 2 CDs

Vermeintliche Gegensätze, so versucht es die Klassikindustrie einem immer wieder einmal einzutrichtern, ziehen sich unbedingt an. So befindet sich schon seit einiger Zeit die Barockmusik auf Versöhnungskurs mit dem Jazz (Christina Pluhar). Zudem wurde der Ostinato-Bass dank Pianist Francesco Tristano schon mal als Wurzel des Techno identifiziert. Bisweilen wirken solche arrangierten Dialoge zwischen Epochen und Komponisten aber dann doch eher verkrampft originell. Umso erfreulicher erweist sich daher jetzt ein Orgelprogramm, bei dem es allein dem Hörer überlassen bleibt, mögliche klanggedankliche Schnittstellen auszumachen. Die lettische Organistin Iveta Apkalna hat für ihr jüngstes Doppel-CD-Recital zwar Johann Sebastian Bach mit dem amerikanischen Minimalisten Philip Glass kombiniert. Doch statt zwischen diesen Antipoden nun hin und her zu zappen, um so eine gewisse Verwandtschaft zu behaupten, hat Apkalna lieber jeweils eine CD lang sich auf das Orgelwerk des jeweiligen Komponisten konzentriert. Vom Klangbaumeister Bach erklingen repräsentative Meisterwerke wie die d-Moll-Toccata und Fuge BWV 565, die überwältigende Passacaglia BWV 582 sowie die Präludium und Fuge-Doppelpaare BWV 541, 552 und nicht zuletzt die Nummer 532, bei der Apkalna in der Fuge auf den Pedalen mit ungeheurem Drive zu Werke geht. Mit bestechender Artistik durchpflügt Apkalna auf der CD Nr. 2 hingegen die rauschenden Akkordbrechungen von „Dance Nr. 4“, mit dem das Tor zu einer völlig anderen Klangwelt aufgestoßen wird. Insgesamt fünf Orgelwerke von Philip Glass liegen hier vor, darunter auch ein Arrangement eines Teilstücks aus der Oper „Satyagraha“. Und ob es nun die in Slow Motion ablaufenden Repetitionen sind oder die dauermäandernden Rhythmusschleifen – das Sakrale der Orgel steht den oftmals schnell ins dramatisch Pathetische abrutschenden Glass-Sounds gut zu Gesicht. Mit ihrem farbigen Linien- und Flächenspiel weiß Apkalna dabei nur allzu gut all die Vorzüge dieser Musik aus dem späten 20. Jahrhundert auszuspielen. Und dass ihr mit der 1962 gebauten und 2006 aufgefrischten Klais-Orgel in der rheinland-pfälzischen Abtei Himmerod ein vorzügliches Instrument zur Verfügung stand, das es bei aller Deutlichkeit der Artikulation nicht auch am mitreißend Himmelsstürmenden vermissen lässt, konnte die Meisterorganistin bereits bei Bach zeigen.

Guido Fischer, 01.08.2015



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