Vom Opernerstling „Hippolyte et Aricie“ seines Komponistenkollegen Jean-Philippe Rameau hatte André Campra einmal in den höchsten Tönen geschwärmt. „Diese Oper enthält genügend Musik, um zehn daraus zu machen“, so der aus Aix-en-Provence stammende Campra, der es in Versailles immerhin bis zum „Sous-maître de musique“ schaffte. Das auf Rameau gesungene Loblied könnte man aber gleichermaßen auf Campras fünfaktige Tragédie lyrique „Tancrède“ anstimmen, die 1702 in Paris aus der Taufe gehoben wurde und auch in den nachfolgenden Jahren mit beachtlichem Erfolg aufgeführt wurde. Denn für die Vertonung der klassischen Tasso-Geschichte um den Kreuzritter Tancredi, der in der Schlacht seine Geliebte Clorinda tötet, hat Campra zuhauf Solo-Arien und Chorszenen aufgeboten, die man sich immer und immer wieder zu Gemüte führen will. So sehr sprechen sie die Sprache des Herzens und des Esprits, des prallen Lebens und der tragischen Einsamkeit. Bis zum Unhappy-End gibt es da keine Sekunde Leerlauf und Langeweile – trotz der für die französische Barockoper obligatorischen Nebenkriegsschauplätze, bei denen sich Zauberer und Rivalen zu Worte melden dürfen.
Wenn die knapp drei Stunden wie im Flug vergehen und man dabei stets von dem genialen Musiktheatermann Campra überrascht wird, so geht dieses Opernerlebnis natürlich auch auf das Konto der Interpreten. Für Dirigent Olivier Schneebeli ist dieses Repertoire genauso ein Heimspiel wie für Les Chantres du Centre Musique Baroque de Versailles. Mit dem erst 2011 gegründeten, einfach fantastischen Orchestre Les Temps Présents präsentiert Schneebeli zudem das gesamte Farbspektrum von prachtvoll bis seelentief. Und mit „Tancrède” Benoît Arnould sowie „Clorinde” Isabelle Druet führt eines dieser Traumduos des aktuellen Barockgesangs ein Sängerensemble an, das sich von feinster Finesse über emotionale Eleganz bis zur deklamatorischen Größe und mitreißenden Brillanz in allen Ausdrucksregistern nur Bestnoten verdient.

Guido Fischer, 15.08.2015



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