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Lang Tang

Matthias Lindermayr

Enja/Soulfood ENJ 9628
(43 Min., 6/2014)

Till Brönner, Nils Wülker, Frederik Köster, Julian Wasserfuhr, Matthias Schriefl: Deutschland ist derzeit überreich gesegnet mit hervorragenden Jazz-Trompetern. Wenn man die ersten Takte des Albums „Lang Tang“ hört, in denen Matthias Lindermayr seine Trompete wie eine schamanische Erzählerstimme raunen lässt, wird klar: Der 28-jährige Münchner gehört nicht nur selbstverständlich in die oben aufgezählte Kollegen-Riege, sondern stellt auch noch eine Besonderheit dar.
Lindermayr klingt nämlich so, als wäre er am Fjord von irgendwelchen skandinavischen Naturgeistern aufgezogen worden. Seine Trompete setzt er nicht als gleißende Bebop-Fanfare ein; sie ist vielmehr ein Gestaltenwechsler. Sie ertönt mal wie eine Hirtenflöte, mal wie ein melodischer Windstoß – und immer wieder wie ein lebensmüder Sänger, der aus dem Schalltrichter heraus nachdenklich auf die Welt schaut. Kurz: Lindermayr gehört eigentlich in die Reihe nordischer Trompetenspieler wie Arve Henriksen, Nils Petter Molvaer und Mathias Eick.
Auch kompositorisch wählt der Münchner auf „Lang Tang“ den Weg in kühle unverbaute Weiten. Azhar Kamals still fließende Gitarren-Arpeggien sind das Rückgrat für Lindermayrs Kompositionen, in denen die Trompete auf die wechselnden Harmonien reagiert wie ein Wanderer auf eine sich verändernde Landschaft. Pianist Roberto Di Gioia steuert hier und da an Bill Evans erinnernde Voicings hinzu, Schlagzeuger Andreas Haberl sorgt mit den Bassisten Andreas Kurz und Maximilian Hirning für eine feintexturierte Postrock-Grundierung.
Feist, Björk oder Radiohead stehen hier nicht ohne Grund als zusätzliche Stück-Lieferanten auf der Programmliste: Ähnlich widerborstig, ähnlich weltverloren, ähnlich süchtig machend ist auch die Musik Lindermayrs. Man möchte gern mehr hören vom bayerischen Skandinavier.

Josef Engels, 15.08.2015



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