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Covered

Robert Glasper

Blue Note/Universal 4724570
(71 Min.)

Die Jugend höre keinen Jazz mehr, dagegen müsse dringend etwas unternommen werden, sagte der Pianist Robert Glasper 2007 anlässlich der Veröffentlichung seiner Trio-CD „In My Element“. Seit dem phänomenalen Erfolg seiner Grammy-prämierten „Black Radio“-Alben weiß der 1978 in Houston geborene Glasper, wie das geht: Man kombiniere Rapper, R&B-Vokalisten auf der Grundlage jazzinformierter Songwriter-Kunst – und plötzlich ist der größte Crossover-Erfolg für das Traditionslabel Blue Note seit Norah Jones da.
Mit „Covered“ geht der gefeierte Pianist jetzt wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück. Für die Aufnahmen vor einem kleinen Live-Publikum in den Capitol Studios reaktivierte Glasper das Trio, mit dem er vor zehn Jahren seine Plattenkarriere startete. Die launige Ansage des Bandleaders zu Beginn der Session macht klar: Das hier wird eine entspannte Angelegenheit, keine Hochdruckveranstaltung.
Wie alte Freunde, die sich lange nicht gesehen haben, gestalten Glasper, Bassist Vincent Archer und Schlagzeuger Damion Reid das Set: Da erzählt der eine zunächst von seinen jüngsten Erfolgen, und die anderen kommentieren anerkennend (gemeinsam spielt man den Bonus-Track von Glaspers letzter CD) und irgendwann, nach ein paar turbulenten Drum&Bass-Grooves vom Schlagzeug und aberwitzig das Morsealphabet zitierenden Stakkato-Klaviersoli, wird sich lachend an die guten alten Zeiten erinnert.
Man spielt die Songs der Jugend, was von Radiohead („Reckoner“) oder von John Legend („Good Morning“), dekonstruiert munter einen Jazzstandard („Stella By Starlight“) oder macht sich einen Heidenspaß daraus, den Hörer bei dem extrem zerfaserten und zitatlastigen „In Case You Forgot“ ständig auf die falsche Fährte zu locken.
Zum Schluss wird aus dem verspielten Spaß dann doch noch Ernst: Harry Belafonte erzählt aus dem Off mit heiserer Stimme von seinem Leben („Ich bin einer von denen, die durchkamen, den eure Kugeln nicht getroffen haben“) und Glaspers 6-jähriger Sohn rezitiert zu Kendrick Lamars „I'm Dying Of Thirst“ die Namen afroamerikanischer Opfer der US-Polizeigewalt. „I feel to be proud brown everyday”, sagt Glasper Junior. Die jüngere Generation braucht nicht nur den Jazz, sondern auch ein positives Selbstwertgefühl.

Josef Engels, 22.08.2015



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