Johann Sebastian Bach

Goldberg-Variationen

Lars Vogt

Ondine/Naxos ODE12732
(77 Min., 3/2014)

 

Johann Sebastian Bach

Goldberg-Variationen u.a.

Tzimon Barto

Capriccio/Naxos C5243
(61 Min., 5/2014)

 

Wenngleich nun wirklich kein Mangel an Aufnahmen von Bachs Opus Magnum herrscht, so kommen nun gleich zwei namhafte Pianisten fast zeitgleich mit einer Einspielung um die Ecke. Und sie könnten kaum gegensätzlicher sein. Um es direkt auf den Punkt zu bringen: Der Deutsche Lars Vogt nimmt die „Goldberg-Variationen“ ganz klassisch, ohne Mätzchen, dafür mit leuchtendem Ton und empfindsamem Fluss. Ihm gegenüber steht Tzimon Barto mit einer auch auf den dritten und vierten Blick vollkommen unorthodoxen, fast verstörenden Sichtweise, die nicht allein auf den legendären, hier durchaus mehr als nur fragwürdigen Bach-Bearbeiter Ferruccio Busoni zurückgeht. Zunächst aber zu Vogt, bei dem man sich wie panzergeschützt vor solchen Ungeheuerlichkeiten à la Barto fühlen darf und kann. Modern und doch mit exquisiter Eleganz nimmt sich Vogt diesem Variationenreigen an, er spielt alles mit großen Bögen und dabei zugleich ungemein facettenreich. Und hinter dem analytisch-kernigen Anschlag gibt sich immer auch der Genussmensch Vogt zu erkennen, der unüberhörbar seine Freude an diesem ansteckenden Mix aus Kunst und Verspieltheit hat, wie etwa in der „Toccata“-Variation Nr. 5. Und mit seiner dynamischen Bandbreite kann Vogt geradezu unmerklich mit Licht- und Schattenstärken spielen, als wäre es das Leichteste von der Welt. Jede Wiederholung wird so zum neuen Erlebnis und Abbild kostbarsten Klavierspiels.
Beim Amerikaner Tzimon Barto bekommt man davon vielleicht gerade mal die Hälfte geboten. Denn Barto schien einfach nur darauf fokussiert gewesen zu sein, eine schon entspeckte Fassung der „Goldberg-Variationen“ mit allerlei Gimmicks zu füttern, um bloß keine Scheibe von der Stange abzuliefern. Dafür hat sich Barto eben das Arrangement Busonis ausgewählt, der 1914 zur erträglicheren Live-Aufführung die Wiederholungen rausschmiss und ansonsten das Notenbild teilweise mit typischer Opulenz aufblies. Und Barto? Er gibt sich extrem großzügig mit seinen Rubati. Dann wieder tritt er gnadenlos auf die Bremse, um Gesangliches zu sezieren. Oder er dauerparkt auf dem Pedal, um Bachs Musik mit einer Art Sfumato-Technik beizukommen. Nicht dass Barto zwischendurch nicht immer wieder mal zeigt, was er eigentlich kann. Doch das Vergnügen ist nur von kurzer Dauer, weil vieles manieriert, auf Originalität gebürstet scheint. Da wirkt die 28. Variation wie ein kitschiges Glockenspiel – bevor die 29. Variation hereinpoltert, als würde es sich um Beethovens „Wut über den verlorenen Groschen“ handeln. Auch damit sorgt Barto wahlweise mal für reichlich Diskussionsstoff, mal für Kopfschütteln. Bei Lars Vogt ist man hingegen selig.

Guido Fischer, 29.08.2015




Kommentare

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Bach Goldberg-V. Für ernsthafte Klaviermusik-Kenner war Barto nie ein bemerkenswerter Pianist, weder ein guter noch ein großer, allenfalls ein interessanter Protegé, der aussermusikalisch von sich Reden machte, wie auch immer. Jedenfalls konnte er voll und deftig spielen, ohne durch pianistisch differenzierende, subtile wie rhyhtmisch stabile Kleinmotorik zu überzeugen, allerdings durch dynamische Eigenwilligkeiten. Ein engl. Kritiker beschrieb seine Chopin-Einspielung der Preludes u.a. einst so, "Barto macht jede einzelne Note zu seiner eigenen". Wer die Aufnahme kennt, weiss, dass dies nicht positiv gemeint war, sondern als Kritik an dem höchst fragwürdigen und geschmäcklerischen Umgang mit dem musikalischen Material, jenseits von Stil und musikalischer Gestalt, und auch rein pianistisch mit den Tempi keinesfalls souverän. Man wundert sich ja noch, dass solcherart Goldberg-Bach-Rhapsodien, die weder Bach noch Busoni genügen, von einem musikalisch defizitären Marketing doch veröffentlicht werden, weil es Barto so spielt? Lars Vogts eigene, jedoch nicht eigenwillig ernsthafte, rhythmisch wie dynamisch differenziert artikulierte und musikalisch streng durchformulierte Gestaltung des Variationszyklus' wirkt vergleichsweise wie eine Bachsche Offenbarung, die auch neben andren Hochkarätern bestehen kann. gemihaus, Berlin.




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