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Ludwig Berger, Franz Schubert

Die schöne Müllerin

Markus Schäfer, Tobias Koch

CAvi/Note 1 CAVI 8553333
(79 Min., 2/2013)

Bedeutende Kunstwerke bilden oft den Mittelpunkt eines multifaktoriellen Netzwerks von Beziehungen. Franz Schuberts „Schöne Müllerin“ ist mit Sicherheit ein solchermaßen vielschichtiges Werk: Schon die ganz unterschiedlichen Lebensumfelder von Dichter und Komponist, die aber hinsichtlich des persönlich-biografischen Erfahrungshorizonts sicher eine Menge Berührungspunkte haben, bedingen zwei „exegetische“ Linien, die seit dem Erstarken der Wilhelm-Müller-Forschung in den Neunzigern unabhängiger voneinander scheinen als je zuvor. Hierzu gehört, dass einige der Müllerin-Gedichte schon fünf Jahre, bevor Schubert sie in Händen hielt, von einem gewissen Ludwig Berger vertont wurden.
Markus Schäfer und Tobias Koch präsentieren auf dieser CD neun der Berger-Lieder (z. T. auf Texte, die Schubert nicht vertont hat) und belegen damit, dass auch diese Version nicht nur als Gebrauchsmusik vernachlässigbar ist, sondern durchaus auch ihre Qualitäten hat. Freilich setzt sie streckenweise mehr im Improvisatorischen an, entfaltet ihre Qualitäten mehr in der Nachbarschaft zu den gesprochenen Passagen, die im Staegemannschen Salon sicher im Wechsel mit den Liedern vorgetragen wurden.
Schäfer und Koch knüpfen aber mit ihrer Darbietung der Schubertschen „Müllerin“, die ja schon mangels Schuberts Kenntnis um das Ursprungs-Singspiel als ganz eigenständiges Kunstwerk gesehen werden muss, interpretatorisch ein wenig am Singspiel-Modus an: Sie verzieren, modifizieren und improvisieren sehr ausgelassen, sich dabei richtigerweise auf diese seinerzeit noch gängige Praxis berufend. Freilich lässt sich nicht beweisen, dass die Wiederbelebung zeitgenössischer Praktiken – bzw. dessen, was wir davon wissen – den Bedeutungshorizont eines Werks auch adäquat zum Vorschein zu bringen vermag. Die „Müllerin“ ist sowohl bei Müller als auch bei Schubert unter ihrer spielerischen Virtuosität in Text und Musik das Dokument erschütternder biografischer Einsamkeits- und Hoffnungslosigkeitserfahrungen, die sich mit philosophischen und historischen Data der Zeit vielfältig untermauern lassen. Schon wer Müllers nicht vertonten Pro- und Epilog liest, ahnt, dass Mühle, Müllerin, Bach und Jäger allein in der Fantasie eines armen Hypersensiblen zu verorten sind, der am Ende nur per Selbstmord aus seinen inneren Verstrickungen herausfindet. Vor diesem Hintergrund allerdings ist dem Autor die vorliegende Darbietung, sprich ihr betont lässiger Umgang mit Schuberts Notentext, ein wenig zu verspielt: Allzu sehr lenken die zahlreichen Schnörkel und Manieren ab von der eigentlichen Tragik des Geschehens.

Michael Wersin, 05.09.2015



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