Responsive image

I.E.

Eivind Aarset

Jazzland/Edel 1030724JZL
(72 Min.)

Eivind Aarsets Gitarre muss man sich als multiple Persönlichkeit denken. Zugleich ein Dr. Jekyll, der versonnene, einfache Melodien hervorbringt, und ein Mr. Hyde, der wimmernd, fauchend und laut aufheulend um sich schlägt. Der dämonische Doppelgänger, der via Effektgerät und Computer aus den Tiefen des Klangraums in die Gehörgänge des Musik-Konsumenten kriecht, ist auch auf der achten Einspielung des Norwegers ein ständig präsenter Kommentator des dramaturgisch verschlungenen Geschehens.
Aarset, der mit seinem Album „Électronique noire“ und der Zusammenarbeit mit dem Trompeter Nils Petter Molvær Ende der 90er Jahre zur Speerspitze des neuen skandinavischen Jazz gehörte, liebt es, unorthodoxe dunkle Geschichten zu erzählen. „I.E.“ ist voll von diesen Gänsehaut-Erzählungen, in deren Mitte mal vollkommen unerwartet ein einzelner, verzweifelter Gitarren-Schrei zu vernehmen ist (so in der hitzeflirrenden Wüsten-Fantasie „Sakte“, in der man auch Skorpione über das Griffbrett wandern zu hören meint) oder an dessen Ende der sechssaitige Protagonist von Bass (Audun Erlien) und Schlagzeug (Wetle Holte) gemeinsam regelrecht totgeschlagen wird (in der „Bitches Brew“-Paraphrase „Feral“).
„I.E.“ entpuppt sich als faszinierendes Hörabenteuer, das dank der stets sich ändernden Instrumentierung – so treibt sich neben Krautrock-Trio, Glockenspiel, Kesselpauke, Wurlitzer, Zither und Kontrabass-Klarinette auch schon mal ein ganzes Bläserensemble in den schummrigen Gassen von Aarsets Musik herum – immer für Überraschungen gut ist. Dass dazu auch mal finsterer Metal mit gurgelndem Gesang gehört („Through Clogged Streets, Passed Rotten Buildings”), mag für den Jazzdurchschnittshörer zwar ein bisschen zu viel des Mr. Hyde sein, ist aber im Kontext dieses schaurig-schönen Albums nur konsequent.

Josef Engels, 19.09.2015



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top