Man würde gerne wissen, was Jean-Philippe Rameau all die Monate vor dem 29. Februar 1748 in so eine ungemein entspannte und schöpferisch fruchtbare Stimmung versetzt hat. Denn nahezu jede Arie und jeder Instrumentalsatz, die ihm für die Anfang 1748 uraufgeführte heroische Pastorale „Zaïs“ eingefallen sind, erobern in ihrer einzigartig geistreichen, anmutigen, beschwingten oder delikaten Haltung sofort Herz und Gemüt. Rameau muss einfach ein glücklicher Mensch gewesen sein, als er etwa direkt zu Beginn den Luftgeister-Chor den Sonnenaufgang mit märchenhafter Leichtigkeit begrüßen ließ (leider ist dieses Kunstwerk bereits nach einer halben Minute wieder verklungen). Oder die von Schäfer und Schäferinnen getanzte Ballett-Air (1. Akt) aus feinster Klangseide erschuf. Oder mit furiosen Schwingen die Streicher im 2. Akt sinfonisch abheben ließ! Fast jeder musikalische Einfall ist ein Volltreffer in einer Oper, von der man bis auf eine schon lange zurückliegende Gesamtaufnahme von Gustav Leonhardt lediglich zu Suiten gebündelte Ausschnitte geboten bekommen hat.
Mit seinem Ensemble Les Talens Lyriques hat Christophe Rousset also nun diesen Geniestreich von Rameau nicht einfach komplett eingespielt. Das Revolutionäre im Klangdenken von Rameau bekommt direkt ab der Ouvertüre und damit ab jenem Moment fulminante Kontur, wo aus dem Chaos sich die Ordnung herausbildet. Die unendliche Palette an Farben, die kühnen Harmonien, dieser virtuose Umgang mit den Instrumenten – all das macht Rameau so unglaublich modern. Und Roussets Begeisterung für diesen Komponisten ist so groß, dass man sie nahezu jede Sekunde und in jedem Takt hören kann. So ist es kein Wunder, dass man auch locker über das von Louis de Cahusac stammende, nicht unbedingt dramaturgisches Neuland betretende Libretto hinwegsehen kann: Luftgeist-König Zaïs liebt Schäferin Zélidie. Nur zwischendurch muss er ihre Treue unbedingt noch ein paar Mal auf die Probe stellen. Jeder andere Komponist wäre bei diesem Sujet spätestens nach einer Stunde an die Grenzen gekommen. Nicht aber eben Rameau. Und weil Rousset gleich noch ein ideales Händchen für das Solistenensemble bewiesen hat, vergehen die 150 Minuten wie im Flug. Vor allem Julian Prégardien als Zaïs kann mit Klangpracht, Geschmeidigkeit und einer wohltuend unaufgesetzt wirkenden Deklamatorik mehr als nur punkten. Sandrine Piau als Zélidie zeigt einmal mehr, was sie für einen großen Ausdrucksradius besitzt, der von unglaublicher Süße bis zum schmerzvollen Seelenzittern reicht. Dass darüber hinaus auch der Chœur de Chambre de Namur ebenfalls wieder zu den Säulen der Einspielung gehört, müsste im Grunde nicht sonderlich erwähnt werden.

Guido Fischer, 26.09.2015



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