Angelo Michele Bartolotti

Secondo libro di chitarra

Krishnasol Jiménez Moreno

BMN/harmonia mundi BMN 20154
(76 Min., 5/2015) CD & Bluray-Audio

 

Isaac Albéniz, Gaspar Sanz, Fernando Sor u.a.

La guitarra dels Lleons: Werke für Gitarre

Xavier Díaz-Latorre, Pedro Estevan

Cantus/Note 1 C9623
(61 Min., 11/2011, 2/2012, 2/2013)



Auch einer Stradivari ging es im 19. Jahrhundert im Wortsinne an den Hals. Weil es damals in der Gitarrenszene üblich war, ein fünfchöriges in ein sechssaitiges Instrument umzubauen, machte man auch mit der heute einzig spielbaren Gitarre von Antonio Stradivari kurzen Prozess. Dafür ersetzte man u.a. den originalen Hals durch einen kürzeren. Und tatsächlich erst 2011 ließen die aktuellen Besitzer dieses verstümmelte Meisterwerk so weit wie möglich wieder in den Urzustand von 1679 zurückversetzen. Die nach ihrem wahrscheinlich ersten Eigentümer benannte „Sabionari“-Barockgitarre hat aber nicht nur die Zeit, sondern auch all die chirurgischen Eingriffe sehr gut überstanden. Den Beweis dafür liefert jetzt der mexikanische Spezialist für die Barockgitarre Krishnasol Jiménez Moreno mit einer Weltersteinspielung. Dabei handelt es sich um das „Secondo libro di chitarra“, das der weithin vergessene Italiener Angelo Michele Bartolotti (ca. 1615 - ca. 1682) um 1655 komponiert und seiner Gönnerin, der schwedischen Königin Christina, gewidmet hat. Der an der Gitarre und Theorbe europaweit brillierende, auch am Hofe Ludwig XIV. gastierende Bartolotti hat die drei hier eingespielten Suiten einerseits ganz nach dem Geschmack des 17. Jahrhunderts gestaltet. Zugleich krönte er jede Abfolge von Tanzsätzen mit einer umfangreichen, mehr als zehnminütigen Passacaglia bzw. Chaconne. Natürlich gibt es hier und da kleine Kabinettstückchen. Doch Bartolotti ließ es ansonsten eher konzentriert geistreich sowie nachdenklich innig angehen. Und genau diese Erzähl- und Stimmungswelten fängt jetzt die „Sabionari“ mit ihrer gleichermaßen halbdunklen, trotzdem facettenreich aufgestellten und ungemein wärmenden Klangseele einfach verlockend und liebenswert ein.
Während die „Sabionari“ ansonsten im „Museo Stradivariano“ in Cremona Zuhause ist, beherbergt in Barcelona das Museu de la Música jene vier historischen Gitarren, die sich jetzt Xavier Díaz-Latorre für sein Recital auswählen konnte. Darunter findet sich auch jene um 1700 gebaute, fünfchörige „Guitarra dels Lleons“, nach der das Album benannt wurde und auf der Díaz-Latorre mit dem Percussionisten Pedro Estevan eine vibrierende Einladung zum Tanz ausspricht. Nach ihrer bereits heißblütigen Hommage an den spanischen Barockgitarristen Gaspar Sanz im Jahr 2003 haben beide erneut vier Stücke von Sanz eingespielt, bei denen es nicht nur in einer Tarantella narkotisch wild und barock groovy zugeht. Die wertvolle Gitarrenantiquität ist von ihrem Volumen und Ausdrucksvermögen her das genaue Gegenteil von der Stradivari-Gitarre. Dafür kommt ihr ein italienisches Instrument (ebenfalls um 1700 gebaut) in einem Variationsstück des Mallorquiners Francisco Guerau von 1694 recht nahe. Was aber wäre eine kurze Reise durch die Geschichte der Gitarre und des Gitarrenbaus ohne musikalische Paradestücke etwa vom spanischen Frühromantiker Fernando Sor und von Isaac Albéniz. Der hat zwar kein Originalwerk für das sechssaitige Instrument geschrieben, aber auf einer volltönigen Gitarre von 1859 schimmern und leuchten seine (arrangierten) Repertoire-Klassiker „Asturias“ und „Cádiz“ in derart wunderschönen Farben, dass man sie schon lange nur noch auf dem spanischen Volksinstrument hören will.

Guido Fischer, 10.10.2015




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