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Heinz Holliger

Machaut-Transkriptionen

Muriel Cantoreggi, Geneviève Strosser, Jürg Dähler, The Hilliard Ensemble

ECM/Universal 4765121
(66 Min., 11/2010)

Von den alten Meistern über die Gegenwart in die Zukunft – nach diesem Motto sind auch die avanciertesten Neue Musik-Komponisten schon immer verfahren. Luigi Nono beschäftigte sich mit Ockeghem. Gesualdo forderte bisher Isabel Mundry, Klaus Huber und Luca Francesconi heraus. Und der Italiener Salvatore Sciarrino nahm bereits 1982 in seinem Orchesterwerk „Autoritratto nella notte“ Bezug auf die so strenge wie kühne Vokalwelt von Guillaume de Machaut. Nun aber ist ein großer Zyklus in einer phänomenalen Gesamtaufnahme erschienen, mit dem der Schweizer Heinz Holliger seit 2001 auf beeindruckende Weise mit der Ultra-Moderne Machauts in Kontakt getreten ist. A-Cappella-Motetten werden da in Instrumentalbearbeitungen für drei Bratschen gespiegelt – wobei der Geist der Originale angesichts der vorsichtig und raffiniert eingestreuten Gegenwartsklänge bewahrt wird. Oder Holliger pulversiert das Vokalgeflecht aus der Feder des frankoflämischen Meisters gänzlich in einem filigranen Strudel voller magischer Flageolett-Effekte und ungestüm spannungsvoller Streicherreibereien. Und spätestens bei dieser radikalen Neuinterpretation von Machauts „Double hoquet“ macht Holliger mit seinem „Triple hoquet“ überdeutlich, wie beziehungsreich sich selbst riesig weit auseinanderliegende Musikepochen vernetzen und befruchten können, ohne sich dabei nur ansatzweise in harmloser, postmoderner Historizität zurückzulehnen. Kein Wunder, dass auch das finale „Complainte“ als einzige Machaut-Reflexion für vier Stimmen und drei Violen sich als ein beklemmendes, von Mikrotonalität durchfurchtes Seelentosen erweist. Diesen lange nachklingenden Eindruck verdankt man aber nicht zuletzt den Interpreten: den drei Bratschisten Muriel Cantoreggi, Geneviève Strosser und Jürg Dähler sowie dem englischen Hilliard Ensemble, das hier nahtlos an seine preisgekrönte Machaut-Aufnahme von 2001 anknüpfen konnte.

Guido Fischer, 17.10.2015



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