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Erik Satie

Satiesfictions

Jean Cocteau, Man Ray, GrauSchumacher Piano Duo, Steffen Schleiermacher u.a.

Accentus/harmonia mundi ACC 20312
(56 Min., 2015)

Mit Erik Satie war Ende des 19. Jahrhunderts ein Sonderling auf der Bildfläche aufgetaucht, der für die einen ein Exzentriker, ein Scharlatan bleiben sollte. Doch während selbst ein Adorno über seinen extrem kritischen Schatten sprang, als er „in den schnöden und albernen Klavierstücken Saties“ Erfahrungen aufblitzen sah, „von denen die (…) Schönberg-Schule nichts sich träumen lässt”, so fand Satie zu Lebzeiten nicht nur in Claude Debussy einen seiner größten Bewunderer. Von Jean Cocteau, diesem Mentor der Komponistengruppe „Les six“, ist eine Würdigung seines Freundes überliefert, die auch später der uneingeschränkte Satie-Bewunderer John Cage unterschrieben hätte: „Satie lehrt unsere Epoche die größte Kühnheit: schlicht zu sein. Angeekelt vom Ungefähren, Verschwommenen und Überflüssigen, von Verschnörkelungen und modernen Tricks […], beschränkt sich Satie freiwillig, in einfachem Holz zu schnitzen und schlicht, sauber, klar zu bleiben.“ Der Mann, der seinen ewigen Begleiter, seinen Schirm selbst bei strömendem Regen vor Nässe geschützt haben soll, musste bei all seiner Individualität und Kauzigkeit ein extrem sympathischer Zeitgenosse mit einem großen Herzen gewesen sein. Das beglaubigen einige der Zeitzeugen in all den historischen Filmchen, die das Regie-Team Anne-Kathrin Peitz und Youlian Tabakov für das sehenswerte Satie-Filmporträt aufgespürt und mit Interviews mit Satie-Kennern collagiert haben. Zu Wort kommt da etwa die Grande Dame der Satie-Forschung Ornella Volta, die von seiner Liebe zu einer Malerin erzählt und von der er sich getrennt haben soll, indem er sie aus dem Fenster warf – glücklicherweise war die Dame im ersten Leben eine Zirkusakrobatin. Von wem solche Anekdoten überliefert sind, der bietet dementsprechend reichlich Futter für so ein Biopic. Und auch eben Künstlerfreunde wie Cocteau, Man Ray und Virgil Thomson können einige Kuriositäten beisteuern. Wie etwa von der Erstbegehung von Saties Wohnung nach seinem Tod, die bis dahin selbst für Freunde tabu gewesen war und in der man jetzt etwa zwei unbesaitete, aufeinander gestapelte Klaviere entdeckte. Doch Satie war eben nicht nur in jeder Beziehung ein besonderes Exemplar, der etwa mit seiner „Musique d’ameublement“ die erste, dezent im Hintergrund dahinschwingende und überall funktionierende Klangtapete schrieb (im Film hört man sie daher auch im Schwimmbad und in einem Paketcenter). Erik Satie kämpfte nicht selten ums Überleben. Auch diese Schattenseiten einer bis heute so anziehenden Komponistenexistenz lässt der Film nicht unerwähnt, der selbst mit Mitteln des Comics dem Phänomen „Satie“ auf den Grund geht. Einzig der Bonus-Track wirkt verkrampft originell: Unter dem Titel „Stock Market Report à la Satie“ werden von dem Frankfurter Börsenparkett da die neuesten Komponistenkurse vermeldet. Nun ja.

Guido Fischer, 24.10.2015



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