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Who's Counting

Rachelle Garniez

Jaro/Jaro 4327-2
(35 Min.)

Sie hat einen französischen Namen, spielt unter anderem Akkordeon und präsentiert sich auf dem Cover ihrer siebten CD als Südstaaten-Lady. Wer Rachelle Garniez aber nach New Orleans verorten will (wobei „Little Fish“, ihr Cajun-Duett mit „Hazmat Modine“-Frontmann Wade Schuman, allen Grund dazu gibt), liegt falsch: Bei der Komponistin, Texterin, Multiinstrumentalistin und Sängerin handelt es sich um eine New Yorker Stadtpflanze mit belgischen Vorfahren.
Allerdings darf man sich auch da nicht wirklich sicher sein. Denn wenn man Garniez singen und musizieren hört, drängt sich der Eindruck auf, sie sei Ergebnis eines wissenschaftlichen Experiments, das die Züchtung der perfekten Singer/Songwriterin zum Ziel hatte: Joni Mitchell, Patti Smith, Lou Reed, Randy Newman, ja selbst der knurrig-röhrende Tom Waits sind zu vernehmen, wenn die US-Belgierin auf „Who's Counting“ ihre Lyrics über New York („New York Minute“), die Eitelkeit („Vanity's Curse“) oder die Liebe als Droge („Medicine Man“) erklingen lässt. Zuweilen hört sich die Dame auch an wie eine menschliche Mundharmonika.
Garniez braucht nicht viel, um ihre Stücke volltönend erklingen zu lassen. Mal allein am Klavier oder am Akkordeon, mal im Duo mit Bassist Tim Lüntzel und gelegentlich unterstützt von weichen Bläsersätzen erzählt sie ihre Geschichten. Ihre modulationsfähige Stimme ist dabei ihr größtes Kapital. Garniez beherrscht das mädchenhafte Glücksjuchzen genauso wie das gurgelnde Brummen eines Lebemanns. Allerdings macht sie keine Kabarett-Nummer daraus wie Bänkelsang-Kollege Tom Waits, sondern findet stets das rechte Maß. Und sie swingt. Auf ihre eigene, nicht jazztraditionalistische Art.
Mit dem kapitalismuskritischen Weihnachtslied „It's A Christmas Song“ beendet Garniez die Platte. Man kann dazu nur sagen: eine schöne Bescherung.

Josef Engels, 25.10.2015



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