„Das Leben ist ein Kunstwerk, und das Kunstwerk ist Leben. Fluxus begriff das gesamte Leben als ein Stück Musik, als einen musikalischen Prozess.“ So hat einmal der amerikanische Performance- und Fluxuskünstler Emmett Williams den Geist einer Kunstbewegung beschrieben, die Anfang der 1960er Jahre für reichlich Aufsehen und Aufregung in den Kunstmetropolen dieser Welt sorgte. Denn alle akademischen Regelwerke wurden über den Haufen geworden. Was zählte, war das genaue Gegenteil. Und so durften selbst Ameisen über Notenblätter krabbeln und sich quasi in Noten verwandeln. So geschehen in der damaligen Fluxus-Hochburg Düsseldorf, wo das Klavierstück „Ants“ des amerikanischen Komponist Ben Patterson entstand, das nun zu den skurrilsten Stücken auf dem von Pianist Steffen Schleiermacher zusammengestellten „Fluxus“-Panorama gehört. Denn zeitgleich ist ein „Solo For Sick Man“ zu hören, bei dem reichlich geröchelt und gegurgelt wird. Dieses aus dem Leben gegriffene Soundleiden stammt vom litauisch-amerikanischen Kunstpionier George Maciunas, der den von ihm erfundenen Begriff „Fluxus“ 1962 der Weltöffentlichkeit vorstellte. Dies geschah in der Metropole Wiesbaden, wo er die „Fluxus Internationalen Festspiele Neuester Musik“ auf die Beine gestellt hatte und nicht zuletzt Klavierwerke u.a. von John Cage und Karlheinz Stockhausen präsentierte. Aber auch die jetzt zu hörenden, geräuschhaften und minimalistisch ausgedünnten „Piano Activities“ für mehrere Pianisten von Philip Corner wurden da uraufgeführt – wobei im Gegensatz zur damaligen Klavierzerstörung Steffen Schleiermacher und seine Kombattanten nun die Finger auch von den dafür nötigen Äxten gelassen haben. Doch Fluxus war eben nicht nur destruktive Provokation und unmittelbare Attacke. Die Klavierwerke der insgesamt elf Komponisten spiegeln in der Erforschung des Klangmöglichen eine Tiefe und Weite wider, die nicht selten in geheimnisvollen Klangglasperlenspielen (Frederic Rzewski) oder ausgedörrten, sich fast der Stille ergebenen Pieces münden (Terry Jennings). Und wie aktionsreich und humorvoll solch eine Versuchsandordnung auch ausfallen konnte, bewies György Ligeti. In spöttischer Anlehnung an Cages Lautlos-Manifest „4´33´´“ schrieb er 1961 seine „Trois Bagatelles“, bei denen die Nr. 1 nur aus einem kurzes Cis besteht. Während die beiden nachfolgenden, nur vom hörbaren Umblättern der Partiturseiten getrennten Bagatellen nichts als Stille hergeben.

Guido Fischer, 31.10.2015



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