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John Taverner

Missa Corona Spinea

The Tallis Scholars, Peter Phillips

Gimell/Note 1 CDGIM 046
(76 Min., 7/2014)

Seit 1973 schon gibt es das englische Profi-Vokalensemble „The Tallis Scholars“ unter Leitung von Peter Phillips. Und die Gruppe, in der einige der berühmtesten Alte-Musik-Sänger der englischen Szene zeitweise gesungen haben, ist beileibe kein Phänomen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, wenngleich Phillips‘ CDs in jener Zeit vielleicht am meisten Furore machten. Nein, bis heute konzertiert und produziert diese Gruppe, und obwohl die Sängerbesetzung heute komplett anders aussieht als vor 20 oder 30 Jahren, sind die Merkmale und Ideale ihres unverkennbaren Sounds geblieben – als da wären: ein streng vibratofreier, sehr reiner und objektiver, niemals aber kalter Klang, unbestechliche Intonationsreinheit, Primat des Klangs vor Sprache und Dynamik, ohne dass die beiden letztgenannten Parameter dabei ernstlich zu kurz kämen.
Mit diesen Eigenschaften sind eigentlich schon die Qualitäten der vorliegenden Neuaufnahme benannt, für die sich Phillips und seine Sänger ein besonderes, ja ein besonders schweres Stück vorgenommen haben: John Taverners Missa „Corona Spinea“ ist eines jener Elaborate der englischen Renaissance, das sich durch einen sehr breit ausgefächerten sechsstimmigen Vokalsatz mit extrem hoch geführtem Diskant auszeichnet. Das Stimmengeflecht rankt sich dabei um einen Cantus firmus, der im Fall von „Corona Spinea“ bis heute nicht auf einen gregorianischen Gesang zurückzuführen war. Die Stimmen, bei dieser Messe vor allem der Diskant, weisen eine für das Messenrepertoire der Zeit (besonders im Vergleich zur festländischen Produktion!) erstaunliche ornamentale Virtuosität auf. „Corona Spinea“ ist, ähnlich wie ihre Schwesternwerke, eine wahre Klangorgie, die einen nicht nur beim ersten Hören wirklich tief zu beeindrucken vermag.
Die „Tallis Scholars“, die bis dato schon mehrfach mit Taverner hervorgetreten sind, legen dieses Stück hier zum ersten Mal auf CD vor. Sie meistern seine Schwierigkeiten insgesamt überzeugender, als vor Jahren Harry Christophers mit „The Sixteen“, bei dem u.a. die hohe Diskantstimme nicht die Leuchtkraft entfaltet, die ihr hier zu eigen ist. Eine tolle CD.

Michael Wersin, 07.11.2015



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