An den Bekanntheitsgrad von Claudio Monteverdi kommt heute keiner seiner damaligen italienischen Komponistenkollegen heran. Weshalb es sich natürlich nur anbietet, das Porträt einer der wichtigsten Musikepochen mit ihm anzupreisen. Was hingegen die Pioniertaten auf dem Gebiet nicht nur der Vokal-, sondern auch der Instrumentalmusik angeht, da war das Italien der ausgehenden Renaissance und ersten Hochphase des Barock überreich an ähnlich visionären Köpfen. Das Fundament für die Oper und damit für ihren ersten wirklich namhaften Riesen Monteverdi bereiteten bekanntermaßen die zur legendären Florentiner Camerata gehörenden Jacopo Peri und Giulio Caccini. Was die Kühnheit in Ausdruck und Form angeht, waren die Madrigale etwa von Carlo Gesualdo und Luca Marenzio derart bahnbrechend, dass selbst die Neue Musik sich auf sie berief. Mit seinen Oratorien stieg Giacomo Carissimi zu einem der einflussreichsten Kirchenmusiker jener Zeit auf. Und während Biagio Marini sowie der Venezianer Dario Castello Epochales auf dem Gebiet der Violin- und Kammermusik gelang, pilgerten schon mal bis zu 3000 Zuhörer in den Petersdom, um die Orgelkünste des Girolamo Frescobaldi zu bestaunen. Ohne auch nur einen von ihnen und vielen weiteren, die ebenfalls mit exemplarischen Werkausschnitten ihren Platz auf einer der insgesamt acht CDs der Box „Die Zeit Monteverdis“ gefunden haben, wäre die Musikgeschichte in völlig anderen Bahnen verlaufen.
Das kann man selbstverständlich auch in einschlägigen, handlichen Musikgeschichtsbüchern nachlesen. Aber erst das lebende Klangobjekt vermittelt einem die wahre Größe der jetzt dokumentierten Zeitspanne 1570 bis 1670. Wie schon bei ähnlich angelegten, editorisch beeindruckend aufgemachten CD-Büchern (u.a. „Musik in Europa zur Zeit der Renaissance“) hat erneut der belgische Musikwissenschaftler und Labeleigner Jérôme Lejeune die Federführung bei diesem Coup übernommen. Und weil er anscheinend einen sehr guten Draht zu anderen Labels besitzt, tauchen unter den ausgewählten Referenzeinspielungen auch welche von Alte Musik-Spezialisten wie William Christies Arts Florissants und Vincent Dumestres Le Poème Harmonique auf. Bleibt nur noch eine Frage: War die Zeit von Monteverdi & Co. wirklich nur eine reine Männerdomäne? Ein Klangbeispiel der Cavalli-Schülerin Barbara Strozzi hätte unbedingt die entsprechende Antwort liefern müssen.

Guido Fischer, 07.11.2015



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