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Johann Hermann Schein

Cymbalum Sionium

La Capella Ducale, Musica Fiata, Roland Wilson

dhm/Sony 88875051442
(76 Min., 10/2014)

Johann Hermann Scheins „Cymbalum Sionium“ von 1615 ist eine Sammlung motettischer Gesänge unterschiedlichen Typs mit variierender Stimmenzahl. Sie repräsentiert die im Frühbarock erstmals voll aufblühende Fülle einer konzertanten protestantischen Kirchenmusik in deutscher, aber auch noch in lateinischer Sprache. In einer gemischt vokal-instrumentalen Besetzung, wie sie in jener Zeit zwar niemals direkt aus dem Notentext hervorging, vor dem Hintergrund theoretischer Schriften (z.B. von Praetorius) aber naheliegend ist, entsteht eine Klangmixtur, in der die vokalen Partien als Träger des Wortes durch instrumentale Partien ergänzt werden. Hier kommen vor allem Blasinstrumente (Zinken und engmensurierte Posaunen, Dulzian oder Pommer), vereinzelt auch Streicher zum Einsatz; die vertikale Ebene der Harmonien wird durch Akkordinstrumente (Orgel, Chitarrone) verstärkt.
Roland Wilson musiziert seine eigene Einrichtung der hier präsentierten Stücke aus Scheins Sammlung mit einer handverlesenen Besetzung aus Spezialisten für dieses Repertoire. Konsequent verfolgt er eine auf mitteltöniger Stimmung beruhende Intonationsreinheit mit tiefen Durterzen als einem der hervorstechenden, auch vom Laien wahrnehmbaren Merkmale; weitestmögliche Vibratofreiheit auch in den Gesangspartien ist Teil des Konzepts. Hierbei neigen sich die Instrumente interpretatorisch der vokalen Ebene zu, indem sie die textgemäße Artikulation der Sänger übernehmen; gleichzeitig verhalten sich die Sänger mit der Geradlinigkeit ihres Ansatzes und einem Messa di voce, das rein deklamatorisch nicht immer vom Text gefordert ist, „solidarisch“ mit dem Duktus des Instrumentalspiels.
In der speziellen Gewichtung, die dieses an sich fruchtbare Miteinander auf dieser CD aufweist, überwiegt indes die Sphäre des Instrumentalen; Sprache wird selten direkt als Rede erlebbar, zumal gerade im Diskant ein bemerkenswerter Obertonreichtum des Vokalklangs das ja auch von Konsonanten mitgeprägte Gefüge der Silben oftmals verdeckt. Es bleibt daher die Frage, ob die rhetorische Qualität der Musik, die u.a. angesichts der Dramatik einiger dialogischer Nummern der Sammlung stilprägend sein sollte, nicht besser zur Geltung gebracht werden könnte – unbeschadet der Tatsache, dass es sich bei dieser Produktion um eine in manch anderer Hinsicht sehr vollkommene Interpretation von Scheins Musik handelt.

Michael Wersin, 14.11.2015



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