Noch in den 1990er Jahren waren den meisten Opernliebhabern von Komponisten wie Porpora, Leo oder Vinci bestenfalls die Namen, sicher aber nicht die Werke geläufig. Mittlerweile aber stehen in fast jedem CD-Regal etliche Recitals mit Arien besagter Herren, und im Falle des letztgenannten vermutlich sogar zwei komplette Opern. Dass Leonardo Vincis "Artaserse" und "Catone in Utica" überhaupt aufgenommen wurden, ist dem unternehmerischen Mut von Max Emanuel Cencic als Produzent – und wohl auch seiner künstlerischen Neugier als Sänger – zu verdanken.
Nachdem der Countertenor vor gut zwei Jahren der Opernstadt Venedig ein Programm gewidmet hat, stellt er jetzt Neapel in den Mittelpunkt: elf Arien (bis auf zwei alles Ersteinspielungen), die zeigen, wie die Gattung in der Stadt am Golf weiterentwickelt wurde, nachdem diese der Stadt an der Lagune den künstlerischen Rang abgelaufen hatte. Max Emanuel Cencic demonstriert dabei, dass nicht nur in den effektvoll auftrumpfenden Arien (wie der eröffnenden "Quel vasto, quel fiero" aus Porporas "Polifemo") Virtuosität gefragt ist, sondern auch und gerade in den scheinbar unauffälligeren, empfindsamen Musiknummern von Scarlatti oder Leo eine überragende Technik von Nöten ist. So vielfältig und abwechslungsreich die Stimmungen, so perfekt passt sich dieses Ausnahmematerial ihnen an, betört mit weichen, runden Tönen ebenso wie es mit aberwitzigen Koloraturketten und Läufen verblüfft. Am Thron wird also nicht gerüttelt – einmal mehr verteidigt Cencic seinen Spitzenplatz unter den Stimmfachkollegen.

Michael Blümke, 21.11.2015



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