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New Ansonia

Misha Mullov-Abbado

Edition/harmonia mundi EDN 1062
(67 Min., 3/2015)

„Bevor ich geboren wurde, war ich von Musik umgeben; tatsächlich gäbe es mich nicht ohne Musik“, sagt Misha Mullov-Abbado. Und damit untertreibt der in Großbritannien aufgewachsene Komponist, Kontrabassist und Waldhornspieler keineswegs – schließlich ist er der Sohn der Geigerin Viktoria Mullova und des Dirigenten Claudio Abbado.
Angst, ständig mit seinen Eltern verglichen zu werden, braucht Mullov-Abbado indes nicht zu haben: Zum einen hat er sich mit dem Jazz ein Betätigungsfeld ausgewählt, in dem er sich vorurteilsfrei ausprobieren kann. Und zum anderen ist er ein Instrumentalist und Komponist von eigenem Format.
Auf der Einspielung „New Ansonia“ bewegt er sich mit seinem Quintett, dem unter anderem der Youtube-Klavierstar Jacob Collier angehört, in den verschiedensten Klimazonen der improvisierten Musik. Das reicht von der leicht orientalisch anmutenden, an Avishai Cohen erinnernde Mittelmeer-Eleganz des Eröffnungsstücks „Circle Song“ über die Hardbop-Coolness des Stücks „Lock, Stock & Shuffle“ bis hin zum lavaheißen Free-Flirt „Satan, Oscillate My Metallic Sonatas“ mit brötzendem Saxofon und knurrender Höllenhund-Gitarre.
Immer wieder lässt der Bassist den Posaunisten Tom Green die Hauptrolle spielen, weshalb man bei Mullov-Abbados Musik oft an Greens berühmte Kollegen denken muss. Etwa an J.J. Johnson in den traditionelleren, dem Modern Jazz der 50er Jahre verpflichteten Nummern. Oder an Ray Anderson aus seinen „Slickaphonics“-Tagen in der großartigen Umarbeitung des „Earth, Wind & Fire“-Hits „September“.
Am meisten berührt freilich jene Komposition, in der der junge Bassist seine musikalische Welt mit der seiner Eltern in Einklang bringt: Auf „Heal Me On This Cloudy Day“ reichen sich das Jazz-Quintett und zwei klassische Streicher mit großem Respekt die Hände. Misha Mullov-Abbado spielte das Stück bei der Beerdigung seines Vaters.

Josef Engels, 21.11.2015



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