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Charles Avison

Concerti grossi nach Scarlatti

Concerto Köln

Berlin Classics/Edel 0300702BC
(82 Min., 4/2015)

Vor genau 30 Jahren wurde mit Concerto Köln nicht nur eines der leistungsstärksten Alte Musik-Ensembles gegründet. Die rund 20-köpfige Truppe, die von ihrem Fan René Jacobs in aller Freundschaft einmal als „Bande von Besessenen“ bezeichnet wurde, ist immer für Überraschungen gut. Zu den letzten Produktionen gehörten etwa Bachs „Brandenburgische Konzerte“, für die man eine von der Originalpartitur geforderte Doppelflöte mit zwei Grifflochreihen eigens nachbauen ließ. Und gemeinsam mit dem spanischen Dirigenten Pablo Heras-Casado wurde ein etwas anderes Porträt des legendären Kastraten „Farinelli“ präsentiert. Den runden Ensemblegeburtstag feiert Concerto Köln nun mit einer Aufnahme höchst reizvoller Concerti grossi, die auf Bearbeitungen von Cembalosonaten Domenico Scarlattis basieren. Der heute in Vergessenheit geratene, englische Komponist und Musiktheoretiker Charles Avison brachte damit 1744 seine Bewunderung für den Italiener zum Ausdruck. Zugleich knüpfte Avison an jenen musikalischen Italien-Kult an, den sein Lehrer Francesco Geminiani 1726 auf der Insel befeuert hatte, als er Concerto grosso-Fassungen von Violinsonaten Corellis herausbrachte.
Wenngleich die natürlich in klassisch viersätziger Form angelegten Scarlatti-Concerti von Avison die Musikwelt nicht gerade auf eine neue Umlaufbahn schießen, so sind sie aber keinesfalls mainstreamige Leichtgewichte. Besonders erhellend wird Avisons mehr als nur geschmackvoller Umgang mit den Originalen bei der exemplarischen Gegenüberstellung einer bearbeiteten Sonate. Die sich in großzügigem Passagenwerk ergehende und von Cembalist Gerald Hambitzer brillant gemeisterte Sonate K. 29 D-Dur verwandelt sich bei Avison nun in ein stramm dahinpeitschendes, dampfendes „Con furia“-Stück. Doch Avison beherrschte genauso das typisch italienische Dolce, das pastoral Anmutige und dann wieder dieses klangklagende Weh und Ach, wie es nicht zuletzt der vom Engländer überraschend wenig geschätzte Vivaldi vorgemacht hat. Von dem vollen Dutzend Concerti grossi von Avison hat man jetzt sechs ausgewählt. Und ob es nun der engagiert sportliche Zugriff ist oder das herrlich ausgekostete Kantable – auch dazu kann man Concerto Köln nur gratulieren.

Guido Fischer, 28.11.2015



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