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Igor Strawinski

Le sacre du printemps

Teodor Currentzis, MusicAeterna

Sony Classical 88875061412
(35 Min., 10/2013)

„Was ist jene Kraft, die unsere Herkunft und unser Erbe ans Tageslicht bringt?“ Diese Frage stellt Dirigent Teodor Currentzis sich und dem Leser in seinen etwas anderen, auch ins leicht Metaphysische abgleitenden Booklet-Anmerkungen zu Strawinskis „Le sacre du printemps“. Die Antwort darauf fällt wenig überraschend aus. „Es ist der Tanz: ekstatisch in Bewegung“, so Currentzis über eine der urzeitlichen Ausdrucksformen. Selbstverständlich belässt es der griechische Wahl-Russe und Temperamentsmusiker nicht nur bei Worten, sondern lässt musikalisch Argumente und Taten sprechen. Unter elektrisierende Hochspannung setzt er dafür sein Ensemble MusicAeterna, das hier in riesiger Orchestermannschaftsstärke von motorischem Furioso bis zum dämonischen Pulsieren glänzend hinlangt. Und das archaisch Barbarische kommt genauso beeindruckend über die Rampe wie das ekstatisch Grelle. Alles besitzt dieses urgewaltig Kraftvolle, auch Gewalttätige, wie es sich für solch ein musikalisches Erdbeben gehört. Aber weil bei Currentzis das Existenzielle von Musik sich auch dann zeigt, wenn sie scheinbar ganz sanft, naiv, unschuldig berührt, lässt er die Musiker schon mal fast komplett innehalten und das Zauberhafte bis in die letzte Faser auskosten.
Nach ihren Mozart-Opern-Coups sowie der nicht weniger glücklich machenden Hommage an Jean-Philippe Rameau haben Dirigent und Orchester sich diskografisch erstmals mit dem 20. Jahrhundert beschäftigt und mit Strawinskis „Le sacre“ einen der meist aufgenommenen Klassiker der Moderne ausgesucht. Und man ist schon verblüfft, mit welcher Selbstverständlichkeit man die Fülle an klanglichen Hitzegraden, an lyrischen Farben und polyrhythmischen Wagnissen ausspielt und auskostet, ohne vom Ausdruck her nur einmal über das Ziel hinauszuschießen. Schade nur, dass die Aufnahmekapazität des Tonträgers bei weitem nicht ausgeschöpft wurde. Dabei hat Teodor Currentzis im Booklettext doch mit Iannis Xenakis einen Komponisten erwähnt, der mit seinen radikal ungeschminkten, sich ebenfalls ins Tumulthafte stürzenden Orchesterstücken eine perfekte Ergänzung zu Strawinski gewesen wäre.

Guido Fischer, 12.12.2015



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