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Canada

Frederik Köster, Sebastian Sternal

Traumton/Indigo 116762
(44 Min., 9/2013)

Der Trompeter Frederik Köster und der Pianist Sebastian Sternal erlebten bei einem gemeinsamen Kanada-Trip so einiges: Sie sahen Bären, schwammen in Gebirgsseen und besichtigten den Geburtsort von Joni Mitchell, wo so gar nichts an die berühmte Sängerin erinnert. Alle diese Erfahrungen sind in die intime Duo-Platte eingeflossen, die Köster am Flügelhorn und Sternal am Klavier in einem Studio in der kanadischen Provinz Alberta aufgenommen haben.
Fast wie eine Hymne klingt „Canada“, das Titelstück des Albums, zunächst. Aber man sollte sich von den inbrünstigen Linien des Horns und der reduzierten Klavierbegleitung nicht täuschen lassen: Die CD ist keineswegs bloß ein touristisches Kammerjazz-Wellnessprogramm. Dafür ist Kösters Ton zu nüchtern und unpathetisch, was sehr wohltuend ist; dafür schlagen Sternals Piano-Interaktionen zu oft unvorhergesehene Haken – hier ein kerniger Bass-Groove, da eine Kadenz irgendwo zwischen Bill Evans und Debussy – und regelmäßig lange Pausen, die Köster Luft zum Atmen geben.
Auch wenn der melancholische Lyrismus des Kanadiers Kenny Wheeler, dessen „For Jan“ Köster und Sternal mit stillem Respekt interpretieren, ein unüberhörbarer Bezugspunkt für die Aufnahme ist, können sich die beiden Rheinländer einen gewissen schalkhaften Leichtsinn nicht verkneifen. Das Stück „Hunting“ etwa, das mit Akkordrückungen à la „Giant Steps“ einsetzt, wird zu einer cartoonartigen Hatz, bei der das Klavier als Jäger von einem offenbar sehr dreisten Federvieh an der Nase herumgeführt und nachgeäfft wird; im beunruhigenden „Into The Wild“ klingt Kösters multiphonisch geblasenes Flügelhorn wie ein verschnupfter Elch.
Diese Lust am Unvorhergesehenen sorgt dafür, dass man bis zum Schluss, der fragmentierten Version der Joni-Mitchell-Ballade „A Case Of You“, Kösters und Sternals akustischem Dia-Vortrag aufmerksam folgt.

Josef Engels, 19.12.2015



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