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Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Frederic Rzewski

Goldberg-Variationen, Diabelli-Variationen, Variationen über “The People United Will Never Be Defeated”

Igor Levit

Sony 88875060962
(194 Min., 1, 3 & 8/2015) 3 CDs

Die einen kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, angesichts eines Mammutprogramms, dessen drei Teile sich Pianistenkollegen auf ihre Restkarriere verteilen würden. Doch wenn Igor Levit nun auf seiner dritten Studioproduktion mit gleich zweieinhalb musikgeschichtsträchtigen Variationszyklen verblüfft – einem Programm, das im Rahmen des Festivals „Heidelberger Frühling“ initiiert und realisiert wurde –, passt das nur zu gut zu einem Musiker, der mit einem unglaublichen Repertoire-Appetit sowie der nötigen, bisweilen überragenden geistigen und spieltechnischen Reaktionsschnelligkeit gesegnet ist. Schon bei seinen ersten diskografischen Visitenkarten mit Beethovens fünf letzten Klaviersonaten sowie den Bach-Partiten machte Levit deutlich, dass er seine hochgesteckten Ansprüche einfach nicht unterbieten kann.
Genau das vermittelt er eben jetzt auch bei dieser 3-CD-Box. Wobei Levit speziell bei den Variationskonvoluten von Bach und Beethoven das Rad nicht etwa neu erfinden will. Ihm geht es geradezu klassisch, konservativ um die harmonisch-rhythmischen Sprengsätze, irrwitzigen Ideen und empfindsamen Gedankengänge, von denen die Noten doch so eindrücklich und direkt erzählen. Besonders gilt dies für Beethovens „Diabelli-Variationen“, Levits Pracht- und Paradestück unter den drei eingespielten Werken. Er setzt da mit aller Klarheit zu einem jener großen Gesänge an, die Beethoven einst selbst in seinen „Bagatellen“ versteckt hat. Dann wieder kostet Levit die metaphysische Herrlichkeit einer Musik aus, ohne dabei dem Notentext auch nur für eine Sekunde die Spannung zu nehmen (da kommt der Kenner der Barockmaterie zum Tragen!). Und zwei Variationen später (ab Nr. 17) setzt Levit die linke Hand kraftvoll unter Jazzstrom – als hätte er sich kurz zuvor jene Home-Recordings von Karlheinz Stockhausen aus dem Jahr 1977 zu Gemüte geführt, in denen der Neutöner zum „Adagio ma non troppo“ des Beethoven-Quartetts op. 127 fingerschnippend zu hören ist. Levit bringt aber eben nicht nur die Aktualität und zugleich Zeitlosigkeit der „Diabelli-Variationen“ gnadenlos gut auf den Punkt. Er bekommt selbst das Komplizierteste (Nr. 32) mit einer Selbstverständlichkeit in den Griff, dass man sich nur wundern kann.
Mit Bachs „Goldberg-Variationen“ ist der Einstieg in diese Variationenwelt aber gleichfalls nicht schlecht gelungen. Zumal Levits Spiel nichts an Finesse und Kultiviertheit, Wärme und Rasanz fehlt. Und seiner Lust am kontrapunktischen Clou hört man genauso begeistert zu wie seiner Freude an den himmelstürmenden Melodien. Nach dem 18. Jahrhundert mit Bach und dem 19. Jahrhundert mit Beethoven lässt Levit schließlich das 20. Jahrhundert mit musikalischer Kämpferfaust Flagge zeigen. „The People United Will Never Be Defeated” heißt das 1975 vom Amerikaner Frederic Rzewski komponierte Klaviermanifest, für das er eine chilenische Freiheitshymne in 36 Variationen nach allen Regeln der vor allem auf Motorik setzenden Kunstmusik, aber auch mit manchen Jazz-Anleihen und Eisler-Moritaten-Gusto durcharbeitete. Dennoch zählt das Werk zu den gelungeneren aus der Sparte „Musik und Politik“, da ihm der plumpe ideologische oder propagandistische Zungenschlag fehlt. Und Levit legt auch dieses Opus Magnum hin, als hätte er in seinem bisherigen Leben nichts anderes gespielt.

Guido Fischer, 26.12.2015



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