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Questclamationmarks

Kaos Protokoll

Prolog/Broken Silence 17066
(51 Min., 2015)

Da sage noch einer, die Schweizer seien übertrieben heimatverbunden und schauten nicht über den bergigen Tellerrand hinaus! Das zweite Album des eidgenössischen Punk-Noise-Electro-Trios „Kaos Protokoll“ könnte jedenfalls kaum internationaler sein: Aufgenommen wurde es in Polen, produziert vom Briten Django Bates und beeinflusst von einer Tour durch sibirische Konzertclubs. Hinzu kommt, dass die Bandmitglieder alle eine Zeit lang in unterschiedlichen Metropolen lebten: Saxofonist Marc Stucki in Paris, Schlagzeuger Flo Reichle in New York und E-Bassist Benedikt Wieland in Berlin.
Entsprechend urban und vielgestaltig nimmt sich die Musik auf „Questclamationmarks“ aus. Eine elektronische Polka („Maybe You“) steht da neben Reggae-Grooves aus der Bill-Laswell-Werkstatt („Good Morning Krasnoyarsk!“), Ambientjazzrock mit melancholischen E-Bass-Akkorden und schizoidem Saxofon („Levitate“) trifft auf krummen Gegenwarts-HipHop des Rappers Blaze, der dem Zuhörer den rauen Charme des Schwyzerdütschen Sprechgesangs näherbringt („Pathos Ratlos“).
Und obwohl die drei Herren von „Kaos Protokoll“, die einmal auch singen wie die betrunkenen Teilnehmer an einem Bebop-Volkshochschulkurs („Ein Stück zum Mitsingen“), ausgiebig Gebrauch von Effektgeräten machen, klingen ihre seltsam mäandernden Kompositionen an keiner Stelle verkrampft cool oder hip. Das Trio trägt eine dämonische Energie in sich, die jedes Stück zu einem kleinen Gruseltrip mit offenem Ausgang macht. Kontrolliertes Chaos, dem ein bisschen mehr Zugänglichkeit nicht geschadet hätte.

Josef Engels, 06.02.2016



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