Das Transkribieren jeglicher Art von Musik für das Klavier ist eine beliebte Disziplin des 19. Jahrhunderts. Komponisten haben ihre größer besetzten Werke durch solche Bearbeitungen dem bürgerlichen Publikum auch zur eigenen „Aufführung“ im heimischen Wohnzimmer verfügbar gemacht; auch haben Klaviervirtuosen ihre technische Brillanz oft anhand von besonders raffinierten Transkriptionen zur Schau gestellt. Weil das 19. Jahrhundert auch das Saeculum des Historismus war, standen gerade ältere Werke im Fokus vieler Bearbeiter, namentlich solche von Bach, der ja, romantisch überhöht, in jener Zeit zum einzigartigen Faszinosum wurde.
Heute, im Zeitalter einer historisch möglichst „korrekten“ Wiedergabe der Originale, verbergen sich Bach-Bearbeitungen von Busoni, Kempff, Walton und anderen oft nur noch schamhaft in den hinteren Ecken von Rezitals. Darum ist es erfrischend, dass Anna Christiane Neumann zusammen mit Anja Kleinmichel, die ihr gelegentlich zur Hand geht, einmal ein komplettes Programm unterschiedlichster Stücke dieses Genres präsentiert – zudem in einer Art der Interpretation, die auf jeglichen Schwulst und Pathos eines romantisierenden Bach-Bildes verzichtet. Und siehe da: Es kommen hier auch Bearbeiter zu Wort, die wir sonst gar nicht als solche kannten, William Walton etwa und György Kurtág. Der Schwerpunkt liegt auf Choralvorspielen, die ja auch in Bachs Originalversion jeweils schon eine Bearbeitung darstellen. Den Orgelbüchlein-Chorälen und ähnlichen Sätzen ist jeweils eine einfache vierstimmige Choralversion vorangestellt, wodurch zunächst das Lied als solches erlebbar wird – ein sehr pädagogisches Vorgehen.
Ein wenig irritierend ist das Programm an der Stelle, wo Frau Neumann selbst als Bearbeiterin hervortritt: Den Choralsatz „Jesu bleibet meine Freude“ extrahiert sie mangels anderer Quelle bei Bach aus dem gleichnamigen Kantatensatz (BWV 147), lässt dabei aber Terzen aus Akkorden weg, die im Gesamtzusammenhang das Orchester beisteuert; leere Quinten hat Bach hier nicht intendiert. Die anschließende bekannte Version aus der genannten Kantate beraubt sie der Wiederholung des ersten Teils, wodurch eine merkwürdige Schieflage entsteht. Außerdem ändert sie einmal auch Bachs Basslinie, was den Kenner des Stückes aufschrecken lässt – warum diese Eingriffe in eine für sich genommen vollkommene Substanz?

Michael Wersin, 20.02.2016



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