Helmut Lachenmann

Ausklang

Pierre-Laurent Aimard, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Jonathan Nott

NEOS/harmonia mundi NEOS 11423
(48 Min., 4/2013) SACD

 

Helmut Lachenmann

… zwei Gefühle …, Schreiben

Peter Eötvös, Susanna Mälkki, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Helmut Lachenmann

NEOS/harmonia mundi NEOS11424
(42 Min., 2/2014, 7/2011) SACD

 

Hannes Seidl, Gordon Kampe, Franz Martin Olbrisch, Orm Finnendahl u.a.

8 Gefühle – A Tribute To Helmut Lachenmann

Hermann Kretzschmar, Ensemble Modern

Ensemble Modern/Edel 1064033ENM
(2015) 66 CDs

 

Wer sich in Helmut Lachenmanns Welt der Geräusche begibt, der muss direkt an der Eingangspforte seine Hör-Erwartungen und -Gewohnheiten abgeben. Denn da werden Klänge nicht nur aus den Partiturseiten herausgeschabt und –gekratzt, herausgerieben und –gewischt. Lachenmann lässt seine Musiker auf ihren Instrumenten Spieltechniken anwenden, bei denen jedem Konservatoriumsprofessor die Zornesröte ins Gesicht fahren muss. Als „musique concrète instrumentale“ hat sich diese Art der Klangproduktion etabliert, bei der das Instrument als Klangkörper bis in seine geheimsten Geräuschecken hinein ausgelotet und ausgereizt wird. So unbequem es damit für den Interpreten werden kann, so gilt das weiterhin selbst für den geübten Hörer von zeitgenössischer Musik. Abnutzungserscheinungen kennt Lachenmanns Musik nämlich keine. Genau das macht ihn daher schon lange in der Neuen Musik-Szene zu einem Schwergewicht, das ständig neu herausfordert und zur kontroversen Beschäftigung mit seinem Werk zwingt.
Im November 2015 feierte der Stuttgarter Pfarrerssohn und spätere Luigi Nono-Schüler seinen 80. Geburtstag. Und zu den durchaus großzügig ausgefallenen Würdigungen in Wort und Ton zählte auch ein etwas anderer Gruß, zu dem sich Freunde und ehemalige Schüler zusammengetan haben. Stefan Fricke, seines Zeichens Neue Musik-Redakteur beim Hessischen Rundfunk, lud acht Komponisten ein, Lachenmann auf elektroakustischem Wege zu gratulieren. Wobei als Ausgangsmaterial ein individuell gewählter O-Ton von Lachenmann stand. Nachdenkliche Züge trägt etwa Hannes Seidls von einem Grundrauschen umhüllter „Wunsch“. Neele Hülcker collagierte Aufnahmen von Lachenmann bei den Darmstädter Ferienkursen zu einem vielstimmigen Kinderlied. Und zu einem surreal wilden Chor hat Orm Finnendahl Zitate elektronisch verfremdet, in denen Lachenmann die Freiheit und Unabhängigkeit des Geistes unterstreicht. Eine gelungene Hommage, dieser mit „8 Gefühle“ betitelte Geburtstagstusch.
Doch auch ganz klassisch wurde Lachenmanns Ehrentag nun mit gleich zwei CDs nachträglich gewürdigt. Und wieder einmal hat sich die Erfahrung ausgezahlt, die das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Umgang mit der Moderne nicht zuletzt dank seiner unschätzbar wertvollen Konzertreihe „Musica Viva“ vorweisen kann. Denn die drei Kompositionen Lachenmanns, die jetzt in Konzertmitschnitten herausgekommen sind, fordern nahezu jeden Orchestermusiker bis zum Äußersten heraus. Und im Fall der von Jonathan Nott dirigierten Musik für Klavier und Orchester namens „Ausklang“ (1984/85) ist auch beim Solisten Pierre-Laurent Aimard über 45 Minuten lang keinerlei Spannungsverlust zu erkennen. Dabei fordert dieses Anti-Klavierkonzert mit seinen unzähligen, oftmals nur von winzigen Gesten zusammengehaltenen Klanginseln ein Höchstmaß an Konzentration. Bei der zweiten Lachenmann-CD teilen sich Peter Eötvös und Susanna Mälkki die Aufgaben am Pult des BR-Symphonieorchesters. Und bei „… zwei Gefühle …“, diesem Teilstück aus Lachenmanns Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, übernimmt der Komponist die Rolle des sprachlos werdenden, sich in Wortfetzen verhakelnden Sprechers. Beim Orchesterwerk „Schreiben“, das 2004 noch einmal überarbeitet wurde, begegnet man sodann jener elementaren Klangrhetorik, wie man sie aus Lachenmanns oftmals unwirklichen und damit aufwühlenden Klanggeräuschkellern her kennt.

Guido Fischer, 27.02.2016




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