Da sind die Sopranistin Ulrike Eidinger und ihr prominenter Mann Lars aber in ein eigenartiges Umfeld geraten: Das professionell geführte Ensemble „Wunderkammer“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bachs fragmentarisch überlieferte Markus-Passion anders als sonst aufzuführen. Nicht eine irgendwie mit anderer Musik Bachs und mit modernen Stilkopien angereicherte Version soll Vollständigkeit simulieren, sondern wo Lücken sind, sollen Lücken hörbar bleiben. Soweit, so gut. Weil es keine Evangelisten-Rezitative gibt, muss dieser Text gesprochen werden – von Lars Eidinger, der hier, pardon, ein wenig schulbubenhaft agiert. Damit aber in Erinnerung bleibt, dass diese Texte ursprünglich musikalisiert waren, werden sie hier mit allerlei tiefen Streicherklängen (Einzeltöne, Intervalle, kurze gestische Motive) unterlegt. Das wäre an sich keine schlechte Idee, wenn es in der Ausführung nicht teilweise recht laienhaft daherkäme, oder auch einfach unsauber. Unsauber und inkongruent agiert leider auch der aus engagierten Laien gebildete Chor – man ist es heute nicht mehr gewohnt, Bachs Choräle und konzertante Chöre so wackelig zu hören, wenn nicht explizit „Oratorienchor xy“ auf der CD-Hülle steht. Zu allem Unglück detoniert außerdem auch noch der Alt-Solist – seine ariose Gesangsleistung hat insgesamt ebenfalls eher laienhaftes Niveau. Wirklich überzeugend präsentiert sich in diesem Umfeld eigentlich nur Ulrike Eidinger, neben ihr zumindest weitgehend noch der Tenorsolist Samir Bouadjadja. Ansonsten überwiegt bei diesem Elaborat von „Wunderkammer“ eher das Ver-wunderungspotential.

Michael Wersin, 26.03.2016



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