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Alessandro della Ciaia

Lamentationi

Roberta Invernizzi, Laboratorio ‘600

Glossa/Note 1 GCD 922903
(106 Min., 10/2014) 2 CDs

Zwei CDs mit barocken Lamentationen für ein (und dieselbe) Gesangsstimme, begleitet nur vom Orgel- und Lautencontinuo, unterbrochen durch ruhige Solo-Toccaten für die Erzlaute – langweilig? Nein, überhaupt nicht! Alessandro della Ciaia (ca. 1605 - ca. 1670), ein zum Vergnügen komponierender Adliger (selbst sowohl begabter Sänger wie Continuospieler), der diese Stücke für die Bewohnerinnen eines Nonnenklosters komponiert hat, beherrschte die seinerzeit noch junge Kunst der Monodie auf einzigartige Weise: Sowohl die expressive, teils überraschend verlaufende Melodik als auch die oft erstaunlich gewagte Harmonik kennzeichnen della Ciaia als einen Meister der musikalischen Rhetorik. Er verstand es, die damals noch frischen Kompositionstechniken der „seconda pratica“ mit höchstem Geschick und begeisternder Vielfältigkeit zum Einsatz zu bringen, um die zu den Matutinen der Karwoche gehörigen Klagelied-Texte mit kaum überbietbarer Eindringlichkeit zur Geltung zu bringen.
Perfekt, nämlich abwechslungsreich in der Besetzung und überaus aufmerksam im Zusammenspiel, agiert in dieser Einspielung das kleine Continuo-Ensemble aus Orgel und verschiedenen Zupfinstrumenten (ohne Streichbass). Gewöhnungsbedürftig ist anfangs Roberta Invernizzis Gesang: Ihre diversen gesangstechnischen Eigenheiten, besonders das Anschieben von Tönen von unten und, auf sprachlicher Ebene, das häufige Missachten von Wortgrenzen, verbunden mit gelegentlich knapp zu tiefer Intonation, sind bekannte Probleme ihres Vortrags. Wenn man diese so geballt erlebt, stört man sich zunächst daran, verliert sie im vorliegenden Fall aber nach einer Weile etwas aus dem Blick, weil sie auf eigenartige Weise mit dem beinahe exzentrischen Ausdrucksstreben dieser Musik zusammenfallen.

Michael Wersin, 16.04.2016



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