Ob Liebesleid oder ein dicker Kater, ob gemütliche Schäferstündchen oder feiste Gelage – wenn französische Barockkomponisten vom Schlage eines Michel Lambert oder Marc-Antoine Charpentier zur Feder griffen, um dem wahren bunten Leben ein Ständchen zu schreiben, kam immer etwas Besonderes heraus. Mal kosteten sie mit ihren Airs sérieux das Herzflimmern und -flackern mit aller anrührenden Herrlichkeit aus. Dann wieder legten sie mit ihren deftigeren Airs à boire (im Deutschen würde man plump „Sauflieder“ dazu sagen) den Schalter um und huldigten zum Teil äußerst ausgelassen den Freuden des Alltags und der zum Glück noch halbvollen Flasche. In die Hochblütezeit jener französischen Vokalform „Air“, wie sie im 17. Jahrhundert und gerade am Hofe von Ludwig XIV. en vogue war, ist nun William Christie mit einem erstklassigen Solisten-Quintett sowie seinem in Quintett-Besetzung aufspielenden Ensemble Les Arts Florissants eingetaucht. Dass Christie diese Musiksprache schon seit vielen Jahrzehnten in Fleisch und Blut übergangen ist, weiß man natürlich dank unzähliger Einspielungen. Doch bei Christie hat man immer wieder den Eindruck, dass er jede seiner Zeitreisen auch im Aufnahmestudio bis zum letzten Ton mit großem Staunen und riesiger Freude an solchen musikalischen Trouvaillen und Trüffeln begeht.
So durchgehend leicht und ausdrucksstark, beschwingt und sehnsuchtsvoll geht ihm und seinen, wie im Fall des Lautenisten Thomas Dunford zum Teil noch jungen Mitstreitern diese Musik mit all ihren Aromen und Effekten von der Hand. Als eine Ode für die Ewigkeit entpuppt sich Michel Lamberts melancholische Air „Le repons …“. Von da aus schlendert man mit hüpfendem Cembalo und mehrstimmig zum Grab eines von François Couperins besungenen „Faulenzers“. Und über bittersüße Airs von den wenig bekannten Komponisten Joseph Chabanceau de La Barre und Honoré d´Ambruys kehrt Christie nicht einfach zu Marc-Antoine Charpentier und damit einem Großfürsten der französischen Barockmusik zurück, mit dem er sich schon oft beschäftigt hat. Mit einem äußerst fidelen Gesang, den Charpentier als Schauspielmusik für Molières „Erzwungene Heirat“ geschrieben hat, erinnert Christie zugleich an einen seiner ersten Coups – an seine 1990 veröffentlichte Schauspielmusik von Charpentier zu „Der eingebildete Kranke“.

Guido Fischer, 14.05.2016



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