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Mauricio Kagel, Dominik Susteck

Improvisation ajoutée (Orgelwerke)

Dominik Susteck

Wergo/News Arts International 05711386
(73 Min., 4/2014)

„Und zum Schluss noch das Wetter.“ Da sage einer noch mal, dass Orgelmusik nur in entrückte Sphären abheben kann. Von wegen. Gerade bei Mauricio Kagel konnte sie mit beiden Beinen mitten im Alltag stehen. 1967 schrieb er beispielsweise mit der „Phantasie“ für Orgel und Obbligati eine bizarr witzige Musique Concrète-Collage, die einen Organisten bei seinem Arbeitstag begleitet. Und so wird man Ohrenzeuge, wie Dominik Susteck sich schnell noch zu den Morgennachrichten ein Frühstück macht, bevor er in die Straßenbahn springt, um noch rechtzeitig eine kirchliche Trauung musikalisch zu untermalen. Denn Susteck zeigt sich nach seinen Einspielungen von Orgelwerken etwa von Ligeti und Rihm auch beim schmalen Orgelwerk Kagels nicht nur wieder in Bestform. Bei den zugespielten Tonbandaufnahmen muss er im Hörfilm die Hauptrolle übernehmen.
Doch nicht nur Kagels „Phantasie“ begeistert mit ihren klangszenischen Zügen, wie sie für dessen „Instrumentales Theater“-Konzept typisch sind. Richtig surreal geht es in „Improvisation ajoutée“ für einen Spieler und zwei Assistenten zu, das die Königin der Instrumente von ihrer herrlich absurden Seite präsentiert. Nicht zuletzt über die „hinzuzufügenden“ Improvisationen der beiden Registranten, die in das Spiel immer wieder auch mit Husten und Schreien einfallen, mutiert die Orgel zu einem Ort des Grauens, der Dämonie. So etwas kann man aber nur an einem besonderen Instrument realisieren. Und genau das steht in der Kölner Kirche Sankt-Peter, wo man seit Jahren eine Neue Musik-Orgel besitzt, an der Susteck selbst die verwegendsten Effekte und Klangmischungen umsetzt. Mit leicht schmalzigem Sound kommt da auch der „Ragtime-Waltz“ über die Rampe, der zu den ebenfalls eingespielten Acht Orgelstücken „Rrrrrrr…“ gehört. Das Stück „General Bass“ (1972) ist zwar nicht explizit für die Orgel geschrieben, sondern für jedes Instrument mit reichlich Lunge für tiefe Töne. Doch nun bekommt man ein ganz neues Bild vom Begriff „Basso continuo“. Und dass Susteck es an seiner Orgel richtig „krachen“ lassen kann, zeigt er im gleichnamigen der fünf Sätze seiner Hommage „K-A-G-E-L“.

Guido Fischer, 21.05.2016



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