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Blues and Ballads

Brad Mehldau Trio

Nonesuch/Warner 7559794650
(56 Min.)

Die Arbeit im Trio war jahrelang Brad Mehldaus bevorzugte Ausdrucksform und Eintrittsticket in die Ruhmeshalle des Jazz-Pianos. In der Vergangenheit zog Mehldau jedoch andere Formate dem Trio vor. Da nahm er Duette mit Pat Metheny oder dem Schlagzeuger Mark Guiliana auf, ging mit Sängerinnen wie Renée Fleming ins Studio oder brachte eine opulente 4-CD-Box mit seinen titanischen Soloperformances heraus.
„Blues and Ballads“, die erste Trioaufnahme Mehldaus seit vier Jahren, bremst geschickt jegliche allzu großen Erwartungen an einen erneuten Geniestreich wie „The Art Of The Trio“ aus. Der Pianist beschränkt sich mit seinen Partnern, dem Bassisten Larry Grenadier und dem Schlagzeuger Jeff Ballard, auf die seelenvollen Basics des Jazz – Blues und Balladen eben.
Mit dieser Reduktion auf das Wesentliche erfindet sich der Pianist auch ein Stück weit neu. Er verzichtet weitgehend auf die Zurschaustellung seiner überragenden Zweihand-Technik, bei der die Linke und die Rechte völlig unabhängig voneinander agieren. Dafür setzt er etwa im Eröffnungsstück „Since I Fell For You“ auf bluesige Kürzel und eine – gleichwohl von allem Dreck gereinigte – Erdigkeit. Es ist gewissermaßen wie Oscar Peterson in Zeitlupe.
Das gesamte Programm ist durchzogen von einer ruhigen Lässigkeit, die nichts beweisen will. „I Concentrate On You“ wird zu einer schwül-brasilianischen Bossa, „And I Love Her“ von den Beatles zu einer langsamen Rumba-Nummer mit handgetrommeltem Schlagzeug, selbst einem Charlie-Parker-Blues („Cheryl“) verweigern Mehldau, Grenadier und Ballard sämtliche Rasanz. Besonderes Schmuckstück ist „Little Person“, eine kleine große Nummer des Charlie-Kaufman-Filmkomponisten Jon Brion, die nach den Interpretationen von Michael Wollny (auf „Weltentraum“) und Brad Mehldau nun endgültig bereit für die Aufnahme in den Jazzkanon sein dürfte.
Ein neues Trio-Meisterwerk? Das angesichts der Song- und Stimmungs-Auswahl drohende Abkippen in Barjazz-Abgründe verhindert Mehldau jedenfalls im Alleingang – die rauschhaftesten, unglaublichsten Momente der CD ergeben sich, wenn der Pianist unbegleitet wahnwitzige Kadenzen und Akkordfortschreitungen aus seinem Instrument hervorholt.

Josef Engels, 11.06.2016



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