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Bernardino de Ribera

Magnificats & Motets

De Profundis, David Skinner

hyperion/Note 1 CDA68141
(76 Min., 4/2014)

Die hochexpressive Chromatik, die in der Magnificat-Antiphon „Rex autem David“ die schmerzgeschüttelte Klage des Königs David um seinen toten Sohn Absalom zum musikalischen Erlebnis macht, ist gleich am Beginn des Programms ein echter „Hinhörer“. Im Programmtext erfährt man, dass die Vorzeichen, die diese chromatischen Bewegungen verursachen, von unbekannter Hand im originalen Ribera-Codex getilgt worden sind. Nur ein Satz von Stimmbüchern, der in Valencia erhalten geblieben ist, überliefert die Chromatik unverfälscht. Man sieht: Philistertum und visionäre Größe haben zu allen Zeiten miteinander im Clinch gelegen.
Weil der Ribera-Codex von 1570 auch in anderer Hinsicht geschändet worden ist – Seiten wurden herausgerissen, prachtvolle Initialen wurden herausgeschnitten, wodurch auch auf der Rückseite Musik verloren gegangen ist –, konnte das Programm für diese CD nicht ohne die Hilfe eines Musikwissenschaftlers aufbereitet werden. Hierfür stand Bruno Turner zur Verfügung, einst selbst Leiter eines der Pionier-Ensembles für Vokalmusik der Renaissance.
Die reizvolle Mischung aus Motetten, ein- oder mehrstimmigen Magnificat-Antiphonen und Falsobordone-Psalmodie wird von David Skinner und seinem reinen Männerensemble De Profundis auf gutem, aber nicht überragenden Niveau dargeboten: Die recht große Zahl von 25 Sängern steht einer ganz befriedigenden klanglichen und intonatorischen Homogenität etwa im Wege, verbirgt aber freilich auch die nicht ganz erstklassige Disposition mancher Stimmen, die man hier und da heraushört. Wer durch die Qualität wirklich sehr guter englischer Ensembles, die es ja in großer Zahl gibt, verwöhnt ist, wird das eine oder andere Haar in der Suppe finden – was den Repertoire-Wert dieser CD indes nicht schmälert: Bernardino de Ribera kennenzulernen lohnt sich in jedem Fall.

Michael Wersin, 30.07.2016



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