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Brett Dean

Shadow Music (Etüdenfest, Shadow Music, Short Stories, Testament u.a.)

Brett Dean, Schwedisches Kammerorchester

BIS/Klassik-Center BISSACD-2194
(66 Min., 5 & 6/2015) SACD

Zu den bekanntesten und zugleich gefürchtetsten Geläufigkeitsstudien, die jemals in einem ernsthaften Stück verarbeitet wurden, gehören die wahnwitzigen Fingerübungen vom Klavierpädagogen Charles-Louis Hanon in Schostakowitschs 2. Klavierkonzert. Rauf und runter in Highspeed geht es da. Und man kann sich vorstellen, wie Schostakowitschs Sohnemann da der Schweiß auf der Stirn gestanden haben mag. Auch bei dem im Jahr 2000 für Streicher und obligates Klavier geschriebenen „Etüdenfest“ kommt es natürlich immer wieder motorisch und schematisch zu ähnlich teuflischen Exerzitien für alle Beteiligten. Und der australische Komponist Brett Dean mag da sicherlich all die Quälereien verarbeitet haben, denen er sich früher als talentierter Bratscher ausgesetzt sah. Aber nichts wäre auf Dauer langweiliger als die vordergründige Abrechnung mit den alten Lehrern und Lehrbüchern. Und so dreht Dean zwar die Daumenschrauben an, auch beim tapferen Mann am Klavier Magnus Sköld. Doch Dean entwickelt aus all den seelen- und geistlosen Versatzstücken und Hundsgemeinheiten ein atemberaubend spannungsvolles Geflecht, bei dem es aus tiefsten, unheimlichsten Klangschlünden über unwirkliches, schon mal beklemmendes Terrain rauf auf von Akkordstürmen umtoste Gipfel geht. Zehn Minuten dauert dieses „Etüdenfest“ – bei dem jetzt das vom Komponisten geleitete Schwedische Kammerorchester furios die Nerven bewahrt.
Brett Dean, der lange bei den Berliner Philharmonikern die Viola strich, präsentiert sich aber auch in den nachfolgenden Werken auf der ihm gewidmeten CD als unberechenbarer Verwandlungskünstler abseits postmoderner Re-Kreation. Seine dreisätzige „Shadow Music“ für kleines Orchester (2002) packt einen mit ihrer Körperlichkeit und Unmittelbarkeit, die sich ständig am Rande des Hochexplosiven bewegt. Die fünf „Short Stories“ für Streichorchester pulsieren und jagen mit packender Unwucht umher – und lassen dabei zugleich stets Raum für zart Lyrisches, Elegisches. Und seine Beethoven-Bewunderung hatte Dean zunächst 2008 mit dem Orchesterwerk „Testament“ und einer von wild bis asketisch reichenden Fantasie unter anderem über den Finalsatz aus Beethovens Streichquartett op. 59 Nr. 1 zum Ausdruck gebracht – bevor er 2013 quasi als Kommentar dazu den „Adagio molto e mesto“-Satz orchestrierte.

Guido Fischer, 30.07.2016



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