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Alexander Skrjabin

Sinfonien Nr. 1 & 2

Valery Gergiev, London Symphony Orchestra, London Symphony Chorus, Ekaterina Sergeeva, Alexander Timchenko

LSO/Note 1 LSO0770
(91 Min., 3 & 4/2014) 2 CDs, SACDs

Die rund 45-minütige 1. Sinfonie des russischen Klangmystikers Alexander Skrjabin ist eigentlich an Banalität und Kitsch kaum zu überbieten. Vom Komponisten um 1900 als eine Hymne an die göttliche Kunst angelegt, mäandert das Werk mit endlosen Wagner-Wogen und dauerschwelgendem Melos dekadent dahin. Hier und da gesellt sich auch so mancher Tschaikowski-Verismo hinzu. Fast fünf Sätze lang ohne Punkt und Komma geht das so – bis im Finale schließlich mit großem Chor-Pathos und solistischen Schwärmereien einer Mezzosopranistin und eines Tenors der einzig wahren Kunst, der Musik, ein Loblied gesungen wird. Bisher musste man sich angesichts dieses kompositorischen Ungleichgewichts zwischen Aufwand und Ertrag nicht so richtig wundern, warum Skrjabins sinfonischer Erstling kaum eine Rolle im Repertoire spielt. Aber mit dem jetzt veröffentlichten Live-Mitschnitt aus dem Londoner Barbican dürfte gleich auch noch für Skrjabins ebenfalls wenig beachtete 2.Sinfonie eine Renaissance einsetzen. Denn Valery Gergiev ist mit dem London Symphony Orchestra vollkommen in seinem Element, was die verführerische Finesse, das magische Flirrende und den emotionalen Hochdruck angeht. Nirgendwo wird hier zu marmeladesken Zusatzstoffen gegriffen, um Wirkung zu erzielen. Stattdessen legt Gergiev mit klarem Verstand und wachem Ohr die tausendundein Reize und Facetten zweier Partituren frei und kann so – bei aller Nähe auch zum großen Vorbild César Franck – nun Skrjabin vom Vorwurf eines rein hyperromantischen Apologeten freisprechen. Und wie Gergiev das Finale der Zweiten mit seinen wuchtbrummigen Blechbläsern und seinem herrlichsten Streicher-Taumeln sensationell brillant inszeniert, lohnt allein die Anschaffung dieser auch aufnahmetechnisch in allen Belangen glänzenden Einspielung.

Guido Fischer, 30.07.2016



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