Responsive image

On My Own

Beady Belle

Jazzland/Edel 687437791383
(47 Min., 10/2015)

Was tut man, wenn man eine Trennung hinter sich hat? Man geht zum Beispiel auf eine lange Reise, um sich neu zu finden. So hat es jedenfalls die Norwegerin Beate Lech nach der Auflösung ihres Trios Beady Belle gemacht, das zur Jahrtausendwende eine der Speerspitzen der skandinavischen Electrojazz-Offensive war.
Der Name Beady Belle existiert weiter, freilich verbirgt sich hinter dem Signet nunmehr alleine die Sängerin und Komponistin. „On My Own“ heißt ihr erstes Album nach dem Bruch, „on my own“ ging Lech nach New York, um ihre Unabhängigkeitserklärung aufzunehmen. Ganz alleine war sie dabei natürlich nicht. Ihr Produzent Bugge Wesseltoft begleitete sie in den Big Apple, wo sie unter anderem auf Joshua Redman und seine Trio-Begleiter Reuben Rogers (Bass) und Gregory Hutchinson (Schlagzeug) traf.
Wer jetzt meint, die Norwegerin habe sich dazu entschieden, wie so viele andere Kolleginnen jetzt auch mal ein klassisches Jazzgesangs-Album aufzunehmen, irrt gewaltig. Schon in der Auftaktnummer wird klar, dass Lech ihren eigenen Kopf bewahrt. Mit einem hypnotischen Sprechgesang fängt „Marbles“ an, dann folgt auf eine an Robert Glaspers HipHop-Jazz angelehnte Strophe ein eigentümlicher Refrain mit comicartigen Ausrufen („Bang!“, „Smash!“). Hinzu kommt schließlich noch Mathias Eicks sphärische Trompete, die die Vermischung von US-amerikanischen und nordischen Elementen perfekt macht.
Diese Fusion ist kennzeichnend für die gesamte Aufnahme: Bei den durchweg von Lech geschriebenen Songs ist stets ein Sowohl-Als-auch zu beobachten. Sie erinnern an Motown-Soul, Gospel – und wenn Joshua Redman dazu Sopransaxofon spielt – an gute alte Jazzballaden. Gleichzeitig tragen die Lieder viel norwegische Schwermut, leise weinende Gitarren, Trauermarsch-Grooves sowie Texte voller Trennungsschmerz und vorsichtiger Aufbruchsstimmung in sich.
Ähnlich hin- und hergerissen wie das Album ist der Rezensent: Vielleicht sollte sich die neue Beady Belle für eine Sache richtig entscheiden. Aber das braucht nach Trennungen wohl manchmal seine Zeit.

Josef Engels, 06.08.2016



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top