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Jacques Ibert

Neeme Järvi Conducts Ibert

Orchestre de la Suisse Romande, Neeme Järvi

Chandos/Note 1 CHSA5168
(82 Min., 6/2015) SACD

Vor etwas mehr als einem Jahr galt es an dieser Stelle schon einmal, eine CD mit Orchestermusik von Jacques Ibert zu loben – nicht allein wegen der hochklassigen Interpretation, sondern besonders auch wegen des Repertoires an sich.
Nun liegt dem Rezensenten erneut eine solche Produktion vor, die einen anderen Ausschnitt aus dem reichen Schaffen dieses vergessenen französischen Meisters vorstellt: Seine im Zusammenhang mit dem 1919 erworbenen Rom-Preis komponierten Tondichtungen „Escales“ (sinfonische Porträts einiger europäischer Städte) und „Féerique“, seine „Sarabande pour Dulcinée“ (eine Filmmusik, die Ravel 1932 schreiben sollte, aus Krankheitsgründen aber nicht mehr verwirklichen konnte), seine „Hommage à Mozart“ (ein launiges Rondo, das keine Stilkopie, sondern ein stilistisch ganz eigenwilliger Ehrerweis ist) und manches mehr.
Obwohl Jacques Mercier als Dirigent des Orchestre National de Lorraine auf der eingangs genannten CD von 2015 (erschienen bei „timpani“) die orchestrale Farbenpracht der Musik Iberts noch plastischer und mitreißender zur Geltung zu bringen verstand als Neeme Järvi in der vorliegenden Produktion, begeistert auch hier wieder ganz unmittelbar der ungeheuer flüssige und abwechslungseiche Kompositionsstil des erst 1962 verstorbenen Franzosen: Seine Orchestrierungskunst ist eins zu eins mit derjenigen von Richard Strauss vergleichbar, seine Melodik und Harmonik bewegen sich unterhaltsam zwischen liebenswürdiger Gefälligkeit und zum Schmunzeln verführender Groteske. Insgesamt kann man diese Musik nur als virtuos bezeichnen – sowohl hinsichtlich ihrer Faktur als auch im Blick auf die Ansprüche, die sie an die Orchesterkultur stellt. Freilich repräsentiert sie nicht das, was gestrenge Geister lange Zeit künstlerisch vom 20. Jahrhundert erwarteten. Gerade darum vielleicht muss man sie einfach gern haben.

Michael Wersin, 03.09.2016



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