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Threading

Oded Lev-Ari

Anzic/Delta Music ANZ 0052
(45 Min., 5/2014)

Über 500 Kompositionen und Arrangements für verschiedenste Besetzungen hat der 1975 in Tel Aviv geborene und in New York lebende Pianist Oded Lev-Ari verfasst. Jetzt hat sich der Brookmeyer-Schüler endlich dazu durchgerungen, seine fein verwobene Klangcouture auch mal unter eigenem Namen und nicht als Auftragsarbeit zu präsentieren.
Sein Debüt-Album „Threading“ überrascht einerseits mit großer Vielseitigkeit – die stilistische Bandbreite, die er seinem neunköpfigen Mini-Orchester mit Streichern, Bläsern und einer Rhythmusgruppe verordnet, reicht vom Tango Nuevo wie im Titelstück über musiktheaterhafte Atmosphärencollagen („Voices“) bis hin zur countryaffinen Pop-Tondichtung („E and A“).
Andererseits – und das ist das wirklich Erstaunliche – offenbart Lev-Ari ein großes Herz für die Jazz-Vergangenheit. Mal klingt seine Musik wie eine unveröffentlichte Cool-Nummer von Gerry Mulligan und Gil Evans (im laid-back swingenden „Lost and Found“), mal lässt er die Solisten parallel aufeinander los wie zu seligen Dixie-Zeiten (am Ende von „E and A“), mal schreibt er dem Sänger Alan Hampton und der Vokalkollegin Jo Lawry ein Liebesduett auf die Stimmbänder, das Erinnerung an den alten Broadway hervorruft („The Dance“).
Den Standard „Goodbye“ von Gordon Jenkins, die einzige Fremdkomposition auf „Threading“, präsentiert Lev-Ari gleich zwei Mal: Einmal als Retro-Croonernummer mit dem zartschmelzenden Jünglingsgesang Alan Hamptons, einmal als Retro-Instrumental mit Anat Cohens Klarinette als Leadstimme. Beides hat Charme, beides wirkt seltsamerweise nicht sentimental-nostalgisch. Es liegt an der Vielfalt der Arrangements auf der CD, die mühelos zeitgenössische Kammermusik, nahöstliche Einflüsse und klassische Jazz-Tonsetzerkunst zu verbinden wissen.

Josef Engels, 03.09.2016



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