Anna Netrebkos letzte Solo-CD mit Verdi-Arien im Jubiläumsjahr 2013 zeigte sie auf dem Höhepunkt ihres Könnens, als lyrisch-dramatische Sängerin ist sie wirklich eine Klasse für sich. Dagegen fällt ihre neue Soloscheibe leider ab. „Verismo“ heißt die und offeriert auf dem Cover die fashionfreudige, aber nicht immer geschmacksichere Russin als eine zur „Turandot“ verkleidete Vogelscheuche. Was hat der späte Puccini mit Verismo zu tun? Zehn von 16 Tracks sind von diesem Komponisten, neben der routiniert eisumgürteten Prinzessin, die sie sicher nie auf der Bühne singen wird, gibt sie als Studio-Spaß auch noch gleich deren zartes Soprangegenstück, die Liù. Die Tosca und die Butterfly sind hoffentlich ein Versprechen auf mehr; der Puccini-Rest gilt dem letzten Akt „Manon Lescaut“, wo sie hinreißend in der Wüste dahinsiecht und (wie in „Turandot“) ihr dynamisch gnädig weggedimmter Göttergatte Yusif Eyvazov ebenfalls promotet werden muss. Sonderlich originell sind auch die anderen Nummern nicht, die üblichen Arien aus „Adriana Lecouvreur“, „La Wally“, „I Pagliacci“, „Andrea Chenier“ sowie den ebenfalls verismo-unverdächtigen Opern „La Gioconda“ und „Mefistofele“. Während Anna Netrebko als niedere, der Kunst dienende Magd noch sehr tranig beginnt, steigert sie sich vokal prächtig, badet auf dem Ötztalgletscher angesichts der toten Mama (die beste Nummer!) oder eines angedachten Selbstmords in rubinroter Fülle des Wohllauts. Das ist technisch großartig, mit toll flutenden Spitzentönen. Aber es fehlt das Zerbrechliche, die Divergenz dieser Rollencharaktere. Alle klingen gleich, es geht ihnen die Bühnenaura ab, sie sind vor allem – Anna Netrebko, die Diva. Daran ändert auch der kompetente Antonio Pappano samt seinen Santa-Cecilia-Musikern nichts.

Matthias Siehler, 03.09.2016



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